Arbeitswelt

Die 30-Stunden-Woche

Schweden macht es vor. Eine reduzierte Arbeitswoche kann zu produktiveren und zufriedeneren Mitarbeitern führen.

Wer nach getaner Arbeit noch ausreichend Freizeit für sich selbst und die Familie hat, ist erwiesenermaßen glücklicher und gesünder. Das können Unternehmen für sich nutzen. SN/New Africa - stock.adobe.com
Wer nach getaner Arbeit noch ausreichend Freizeit für sich selbst und die Familie hat, ist erwiesenermaßen glücklicher und gesünder. Das können Unternehmen für sich nutzen.

Acht Stunden am Tag, so viel arbeiten Österreicher nach dem klassischen Vollzeitmodell. Doch ist dies sinnvoll? Kann ein Mensch acht Stunden lang konzentriert arbeiten, kreative Leistungen erbringen und produktiv sein? Unterschiedliche Studien beantworten das mit einem klaren "Nein". In Anlehnung an sie experimentieren Unternehmen im skandinavischen und insbesondere schwedischen Raum mit einer 30-Stunden-Woche, also sechs Stunden Arbeit pro Tag. Das soll sowohl dem Unternehmen als auch den Mitarbeitern Vorteile verschaffen. Denn Angestellte, die einen kürzeren Zeitraum am Tag arbeiten und dafür einen längeren für Familie, Freunde und Hobbys aufbringen können, seien motivierter und produktiver, so die Annahme.

In sechs Stunden gleich viel Arbeit wie in acht?

Davon auszugehen, dass in sechs Stunden dieselbe Arbeit wie in acht geleistet werde, sei allerdings ein Trugschluss, erklärt Gerhard Klicka, Geschäftsführer des Unternehmens "Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement" in Wien: "Da würde man ja unterstellen, die Mitarbeiter machen zwei Stunden täglich nichts." Darauf zu setzen, Pausen wegzulassen, damit sechs Stunden am Stück komprimierte Arbeit geleistet werde, sei auch nicht zielführend. Denn Unterbrechungen seien für einen gesunden Arbeitsalltag entscheidend. "Große Unternehmen setzen mittlerweile ja schon auf Sozialbereiche wie beispielsweise Kickertische und kleine Cafés, damit die Mitarbeiter in Kontakt zueinander treten. Das steigert deren Innovationsgeist und Motivation."

Dennoch ergebe sich aus Studien deutlich, dass die siebte und achte Stunde im Arbeitsalltag im Vergleich zu den vorherigen sechs in puncto Effektivität und Produktivität abflachen. "In der siebten und achten Stunde passiert nicht nichts, allerdings in den meisten Fällen weniger. Das gilt besonders für kreative Berufe und grundsätzlich solche, die am Schreibtisch stattfinden." Unternehmen könnten sich, sagt Klicka, auf sinnvolle Weise Geld einsparen, indem sie Mitarbeitern eine 30-Stunde-Woche anböten, die entsprechend geringer vergütet sei. Allerdings empfiehlt Klicka dabei, das Gehalt nicht um 25 Prozent zu verringern, wie es bei einer Reduktion von 40 auf 30 Stunden klassisch gerechnet werden würde, sondern nur um zehn bis 15 Prozent. Denn man könne davon ausgehen, dass die verbleibenden 30 Stunden effektiv genutzt würden.

"Das Wichtigste dabei ist, auf Freiwilligkeit zu setzen. Ein solches Konzept sollten Arbeitgeber ihren Mitarbeitern lediglich anbieten und keinesfalls aufzwingen." Da in 30 Stunden nicht dasselbe Arbeitspensum wie in 40 Stunden zu absolvieren ist, braucht es für das Konzept weitere Mitarbeiter. "So erweitert das Unternehmen sein Team und die Mitarbeiter arbeiten jeweils 30 Stunden, in denen sie wirklich effizient im Einsatz sind."

Mehr Anwesenheit, mehr Produktivität?

Für Klicka ist die Reduzierung auf 30 Stunden bei nicht zu stark sinkendem Lohn der richtige Schritt weg von einem Arbeitskonzept, das er als "falschen Präsentismus" bezeichnet. "Noch immer wird in manchen Unternehmen danach bewertet, wie viel Zeit ein Mitarbeiter in einem Unternehmen verbringt. Doch körperliche Anwesenheit bedeutet nicht automatisch Produktivität." Zeitgemäß sei in vielen Branchen, nicht mehr die Anwesenheit zu kontrollieren, sondern die Arbeit nach den Ergebnissen zu beurteilen. "Der eine arbeitet in kürzerer Zeit effizient, der andere braucht dafür eine höhere Anzahl an Stunden. Insofern ist es in vielen Berufen und Branchen nicht sinnvoll, rein nach abgeleisteter Dienstzeit zu bewerten." Der Appell an und das Vertrauen auf selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten, das sich Mitarbeiter selbst einteilten, schaffe in den meisten Fällen ein erhöhtes Maß an Motivation.

Die Vorteile für Mitarbeiter bei einer reduzierten Arbeitswoche liegen auf der Hand: Nicht nur bleibt mehr Zeit für die Familie, sondern auch für sich selbst und die eigenen Bedürfnisse, beispielsweise auch für mehr Bewegung an der frischen Luft. Für die psychische und körperliche Gesundheit ist das natürlich von Vorteil. Weder in Schweden noch in einem anderen Land auf der Welt ist ein 30-Stunden-Konzept jedoch branchenübergreifend ohne Weiteres möglich. "In Berufen, bei denen eine Präsenz vor Ort für einen bestimmten Zeitraum erforderlich ist und man sich in einem ,Dienstradel' abwechselt, wird das Konzept schwierig sein. Wenn eine Schicht in der Pflege zwölf Stunden dauert, bis sie von der nächsten abgelöst wird, oder aber ein Geschäft acht Stunden lang betreut werden muss, müsste man zunächst an den Grundstrukturen arbeiten."

Auch sei es nicht für jeden Mitarbeiter reizvoll, seine Stundenzahl zu reduzieren. Während Pendler beispielsweise häufig möglichst viel Zeit am Stück arbeiten möchten, um die Fahrt von zu Hause in die Arbeit und retour nicht zu oft auf sich nehmen zu müssen, ist für viele selbst eine Lohnreduktion von zehn bis 15 Prozent untragbar. "Gerade junge Menschen möchten sich ja häufig beruflich beweisen und etwas aufbauen, eine Immobilie finanzieren und Ähnliches", erklärt Klicka. Das 30-Stunden-Konzept ist aus seiner Sicht besonders für Menschen in einer Lebensphase ab Mitte 40 besonders interessant. "Diese haben sich oft bereits etwas geschaffen und möchten dann vielleicht ihren Fokus auf die Familie und ihre Freizeit setzen."

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