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Wie Eltern ihre Kinder bei der Berufswahl unterstützen können

Die Eltern können Jugendlichen bei der Berufswahl enorm helfen. Wirtschaftspädagoge Gerhard Furtmüller im Interview.

Bei der Berufswahl können Eltern eine hilfreiche Stütze sein. SN/pixabay
Bei der Berufswahl können Eltern eine hilfreiche Stütze sein.

"Euch stehen alle Möglichkeiten der Welt offen!", hören junge Frauen und Männer heutzutage, wenn es um ihre Karriere geht. Doch die Berufswahl überfordert viele, etliche werden überbehütet. WU-Dozent Gerhard Furtmüller begleitet an der Wirtschaftsuni in Wien jährlich rund 2000 Studierende bei der Frage "Was soll nur aus mir werden?". Er meint: "Eltern sind die besten Coaches." Das werde gründlich unterschätzt. Doch warum sind Eltern die beste Unterstützung und wie soll diese Hilfe überhaupt aussehen?

Warum sind Eltern heutzutage so wichtige Ratgeber für junge Leute? Gerhard Furtmüller: Eltern und Großeltern sind unsere engsten Kontaktpersonen. Sie beeinflussen uns bewusst und ganz besonders unbewusst. Die Kinder sehen, welche Wege die Eltern gegangen sind. Darüber sind sich die Eltern meistens gar nicht bewusst. Die Peergroup ist wichtig, aber große Themen werden zu Hause besprochen.

Woran hakt es? Es ist sehr viel Unsicherheit da. Wenn Vertrauen da ist, sind Eltern die besten Coaches.

Wann sollten Eltern mit den Kindern über die Berufswahl reden? Die Mehrheit hat nur eine Grundorientierung, etwa, dass es Wirtschaft oder Jus werden soll. Ich empfehle, Orientierung in Abhängigkeit vom Kind zu geben.

Was können Eltern konkret machen, damit ihre Kinder den passenden Weg finden? Sie sollten deren Interessen fördern und ihnen Erfahrungen zukommen lassen, sei es im eigenen Betrieb oder in einem Ferialpraktikum. Studierende sind nach dem Studium so weit wie vorher, wenn sie nicht neben dem Studium berufliche Erfahrungen machen müssen und dabei ein Berufsbild entwickeln. Aus empirischen Daten sehen wir, die geschicktesten Leute sind die, die schon frühzeitig in ein Feld hineingehen. Auch nach einem Studium sind die Berufserfahrungen enorm wichtig. Zwei von drei Studierenden bekommen ihren ersten Vollzeitjob aufgrund ihrer bisherigen Nebenjobs. Die Recruiting-Leute schätzen es, wenn jemand schon Erfahrungen gemacht hat.

Wie sinnvoll sind Jobs, die nichts mit dem Wunschberuf zu tun haben? Sehr! Viele große Dinge im Leben lernst du nicht nur in der Ausbildung. Es muss nicht immer ein einschlägiges Praktikum oder ein Topjob bei Porsche in Salzburg oder bei Unilever in Wien sein. Im Service mitzuarbeiten ist eine super Geschichte. Da lernst du, mit netten, aber auch mit grantigen Menschen und mit Stress umzugehen. In meinem Seminar fragte ich, wer von den Studierenden schon Leadership-Erfahrung habe. Ein junger Mann meldete sich, weil er in den Winterferien Kinderskikurse leitet. Und er hat recht, da lernst du Führung zu übernehmen. Es ist wichtig, den jungen Leuten das bewusst zu machen.

Werden die Eltern heutzutage weniger gefragt als früher? Es ist ein marktwirtschaftliches Gesetz, dass großen Wert hat, wovon es wenig gibt. Nun werden die Jungen weniger. Deshalb wollen die vielen Älteren gerne kopieren, was die Jungen machen. Übersehen wird, dass sich die Jungen an der Erfahrung der Älteren orientieren können. Problematisch ist in Österreich, dass Karrieren stark vom Bildungsgrad der Eltern abhängen. Haben die Eltern nicht studiert, sind Mentoren wichtig.

Wer außer den Eltern kann noch ein Mentor sein? Optimal ist es, wenn es jemand im eigenen Umkreis ist und schon ein Vertrauensverhältnis vorhanden ist. Das können neben Großeltern, Onkeln oder Tanten auch Bekannte oder Nachbarn sein. Für viele ist es eine Ehre, wenn sie um Rat gefragt werden. Die Eltern sollten ihre erwachsenen Kinder dazu ermutigen, sich mit Leuten aus ihrem Umfeld zusammenzusetzen und zu reden.

Welche Fragen sollten Ältere den Jungen stellen? Um das 20. Lebensjahr herum haben junge Leute unglaublichen Stress. Da geht es um die eigene Persönlichkeitsfindung, die Liebe, die Berufswahl. Da übersehen sie leicht Fragen wie: Wo fühle ich mich wohl? Will ich in ein kleines oder großes Unternehmen? Was will ich werden? Die jungen Erwachsenen haben viel gewonnen, wenn sie sich diese Fragen selbst stellen. Und wenn sie einen Mentor fragen: Wie schätzt du mich ein? Was kann ich? Es sollte ausgesprochen und vielleicht aufgeschrieben werden. Wenn sie die Fragen stellen, kommen die Antworten über kurz oder lang. Leider haben wir heute bei der Persönlichkeitsentwicklung ein großes Problem. Junge Leute werden in der Ausbildung mit Inhalten beworfen und es herrscht eine sehr starke Mangelorientierung. Die Studenten fragen bei Präsentationen oft: "Welchen Fehler habe ich gemacht?", obwohl sie ihre Sache super machen. Orientierung tut also not.

Wo sehen Sie die Grenzen elterlicher Einflussnahme? Viele junge Leute werden zu Hause überserviciert. Die Eltern nehmen ihnen zu viel ab oder wollen sie zu Hause behalten. Ich sage: Lasst sie ausprobieren, lasst sie das Auslandssemester machen. Die müssen hinausgehen und ihre Erfahrungen selbst machen. Dann entstehen auch berufliche Wege.

Gerhard Furtmüller ist programmverantwortlich für Personal, Führung und Organisation an der WU Wien. Der Wirtschaftspädagoge mit Schwerpunkt Persönlichkeitsentwicklung lebt in Zell am See.

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