Arbeitswelt

Vollzeitgehalt für 30 Stunden - eine Erfolgsstory

Kürzere Arbeitszeiten bei vollem Gehalt sind keine Illusion. Ein Unternehmen aus Oberösterreich hat die 30-Stunden-Woche erfolgreich umgesetzt.

Teambuilding und 30-Stunden-Woche bei vollem Gehalt, dafür entschied man sich bei der Onlinemarketingagentur eMagnetix. SN/magnetix
Teambuilding und 30-Stunden-Woche bei vollem Gehalt, dafür entschied man sich bei der Onlinemarketingagentur eMagnetix.

Arbeitswochen mit über hundert Stunden waren für Klaus Hochreiter früher keine Seltenheit. Heute macht er knapp 40, während die Mitarbeiter seiner Onlinemarketingagentur eMagnetix nur mehr 30 Stunden pro Woche aber bei Vollzeitgehalt arbeiten müssen. Was er und sein Partner Thomas Fleischanderl 2018 nach zweijähriger Vorbereitungszeit ins Leben gerufen haben, hat das Prädikat innovativ verdient. Es gibt zwar schon verschiedene Arbeitszeitmodelle wie eine sechste Urlaubswoche oder eine Viertagewoche in den Sommermonaten Juli und August, eine 30-Stunden-Woche bei voller Bezahlung wie bei eMagnetix in Bad Leonfelden ist aber einzigartig in Österreich. "Nach drei Jahren können wir sagen, dass es die beste Entscheidung war, die wir treffen konnten", stellt Klaus Hochreiter fest. Und dafür hat der Firmeninhaber mehrere Gründe. Der Fachkräftemangel, der ihn damals auch dazu veranlasst hat, sein Projekt "#30 sind genug" in die Realität umzusetzen, ist einer davon.

Außergewöhnliche Arbeitsbedingungen

2015 hatte sein Unternehmen zwölf Mitarbeiter. "Wenn wir auf der Suche nach neuen Kollegen waren, haben wir auf Einsteiger-Jobs zehn Bewerbungen bekommen und auf Senior-Jobs über Wochen und Monate keine einzige. Das war der Moment, wo ich dachte, jetzt wird es eng." Vor allem bei Krankenständen. Aufträge gab es nämlich im Gegensatz zu Mitarbeitern genug. "Die Kunden mussten dann bis zu sechs Monate auf die Umsetzung warten. Und das tut niemand gern." Solche Probleme gehören aber der Vergangenheit an. Die Anzahl der Mitarbeiter hat sich mittlerweile fast verdreifacht, da aufgrund der außergewöhnlichen Arbeitsbedingungen die Bewerbungen nicht nur bei Einsteiger-Jobs auf Hundert gestiegen sind. "Durch unsere Pionierrolle haben wir als kleines Unternehmen nun auch die nötige Präsenz. Wir werden als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen." Was Hochreiter bei Bewerbungsgesprächen außerdem bemerkte: Die Währung der jüngeren Generation heißt nicht (nur) Geld. Gehalt ist zwar wichtig, als neues Statussymbol gilt aber die Work-Life-Balance. "Da wollte ich etwas Innovatives finden, das Bestand hat und nachhaltig wirkt." Hochreiter beschäftigte sich viele Wochen mit den Auswirkungen kürzerer Arbeitszeiten und führte unzählige Telefonate mit Unternehmen in Schweden, die, wie so oft, auch in diesem Bereich die Nase vorn haben.

Zufriedene Mitarbeiter und zufriedene Kunden

Nach den Gesprächen kam der 40-Jährige zu dem Schluss, das Arbeitszeitmodell umsetzen zu wollen - bei gleichem Lohn. "Sonst müsste man im Alter Kürzungen in Kauf nehmen oder man müsste sich einen Zweitjob suchen, um sein Leben zu finanzieren. Da verpufft der Effekt." Varianten wie in anderen Firmen, die Gehalt kürzen, wenn stundenmäßig weniger gearbeitet wird, wollte Hochreiter deshalb nicht. Das machte sich auch in anonymisierten Umfragen bemerkbar, die eMagnetix monatlich unter seinen Mitarbeitern durchführen lässt. Nach Einführung der 30-Stunden-Woche am 1. Oktober 2018 bewerteten die Mitarbeiter die Zufriedenheit am Arbeitsplatz auf einer Fünfpunkteskala mit 4, wobei 5 die Höchstnote ist. "Das ist absolut spitze!" Auch bei der Kundenbefragung, die zwei Mal pro Jahr stattfindet, bekamen die Oberösterreicher einen Durchschnittswert von 4,6. "Somit haben wir unser Credo erfüllt: zufriedene Mitarbeiter und zufriedene Kunden", zeigt sich Hochreiter, wie könnte es anders sein, zufrieden. Auch deshalb, weil er zur längst überfälligen Reduktion des Gendergap beitragen konnte. Kehren Frauen bei eMagnetix aus der Karenz in den Job zurück, und das sind derzeit wahrscheinlich nicht zufällig sehr viele, ist der Unterschied zu anderen Mitarbeitern beinahe ausgeglichen. Hochreiter stellte auch fest, dass sich plötzlich zahlreiche Jungväter bei ihm bewarben. "Viele von ihnen sind topqualifiziert, möchten aber nicht 60 Stunden pro Woche arbeiten, sondern auch bei ihren Kindern sein. Da ist unser Angebot richtig."

Mitarbeiter fühlen sich gesünder

Alle zwei Jahre, zuletzt 2019, lässt der findige Unternehmer sein Modell auch von externen Experten durchleuchten. Mit dem Ergebnis, dass sich 86 Prozent der Mitarbeiter seit Einführung der 30-Stunden-Woche gesunder fühlen als zuvor. 63 Prozent gaben an, dass die Arbeitslast für sie gesunken sei, während 30 Prozent sie als gleichbleibend empfanden.

Bild: SN/magnetix
„Das war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten.“ Klaus HochreiterFirmeninhaber eMagnetix

Nur für sieben Prozent stieg die Arbeitsbelastung. Generell haben Untersuchungen ergeben, dass Menschen pro Tag nur fünf Stunden konzentriert arbeiten können. "Da habe ich mich einfach gefragt, was ab der sechsten Stunde passiert."

Zeitmanagement und Technik helfen

An den Umstand, um 14 Uhr nach Hause zu gehen, müssen sich neue Mitarbeiter, die den Wandel zur 30-Stunden-Woche nicht miterlebt haben, aber erst gewöhnen. "Das sind oft Menschen, die vorher All-in-Verträge mit 50 bis 60 Stunden hatten. Sie kommen aus einer Präsenzkultur, in der gilt: Wer als Erster geht, hat verloren! Wenn bei uns jemand zu lang sitzt, fragt man eher nach, ob es ein Problem gibt. Bei uns zählen nicht die Stunden, sondern das Ergebnis."

Genaue Planung ist wichtig

Dass Hochreiters Arbeitskonzept so erfolgreich ist, liegt an der genauen Planung unter Einbeziehung aller Mitarbeiter. Da die Rechnung - gleiche Arbeit in weniger Stunden - nicht aufgehen kann, überlegte sich das Team alternative Wege zum Ziel. "Wir haben am Zeitmanagement gearbeitet, überlegt, wie sich Termine effizienter gestalten lassen und wo uns die Technik etwas abnehmen kann." Regeln für die 30-Stunden-Woche wie bei anderen Unternehmen, wo nicht geplaudert oder telefoniert werden darf, gibt es bei eMagnetix übrigens nicht. "Ein Jahr lang gab es die Maßnahme, sein Handy während der Arbeitszeit im "Kästchen" zu deponieren, das haben wir aber wieder verworfen. Es weiß jeder, dass Handys Zeitfresser sind." Stattdessen setzt Hochreiter auf die Grundwerte Mitspracherecht, Vertrauen und Eigenverantwortung. "Menschen sind keine Roboter. Sie brauchen soziale Aspekte. Es muss Zeit für eine Pause und ein Gespräch mit Kollegen sein."

Flexible Viertagewoche

Weil Flexibilität für den Unternehmer als Gebot der Stunde gilt, hat er heuer die flexible Viertagewoche eingeführt. Seine Mitarbeiter können sich jede Woche neu entscheiden, ob sie ihre 30 Stunden auf vier oder fünf Tage aufteilen wollen. "Damit gehen wir auf unterschiedliche Lebenssituationen ein. Manche haben einen längeren Anfahrtsweg oder zeitaufwendigere Hobbys."

Homeoffice bedarfsgerecht

Schon lang vor Corona war auch Homeoffice ein Thema in Bad Leonfelden. Ein Mal pro Woche ist die Anwesenheit im Büro Pflicht, die restliche Zeit kann zu Hause gearbeitet werden, ausgestattet mit der nötigen Hardware. Angst, dass so viel Entgegenkommen ausgenützt wird, hat Hochreiter nicht. Druck und Kontrolle bezeichnet er als Steinzeitmaßnahmen. "Unser Grundprinzip heißt Vertrauen. Und wenn ein Kollege zu oft aufs Smartphone schaut, wird er vom Team darauf hingewiesen. Das regelt sich von selbst." eMagnetix stellt immer wieder Mitarbeiter ein. In nächster Zeit werden in einzelnen Onlinemarketingdisziplinen und im Marketing Mitarbeiter gesucht.

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