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Kann die Wirtschaft unendlich wachsen?

Ohne Wachstum kein Wohlstand, kein Wohlstand ohne Schäden für die Umwelt. Wie weit kann und darf Wirtschaft gehen? Muss sie ewig wachsen oder gibt es Alternativen?

Ist unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten möglich? SN/pixabay
Ist unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten möglich?

Die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg hat es allen reingesagt. Beim UNO-Klimagipfel klagte sie über die "ewig leeren Worte", darüber, dass nichts getan werde, um die Umwelt zu retten, und über das Märchen vom "immer anhaltenden Wirtschaftswachstum". Für das Mädchen, das seit seiner Wutrede noch mehr polarisiert, ist klar: Umwelt und Wirtschaft - das kann nicht zusammengehen.

Wie es prinzipiell um die Wirtschaft eines Landes steht, wird mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Darin ist der Wert aller im Land produzierten Güter und Dienstleistungen pro Jahr erfasst. Liegt dieser Wert über dem des Vorjahres, spricht man von Wachstum, im gegenteiligen Fall von einer Schrumpfung. Erst wenn man diesen Wert auf die Zahl der Einwohner umlegt, hat man - so der Schweizer Wirtschaftswissenschafter Reiner Eichenberger im Magazin der Uni Freiburg - eine vernünftige Basis, um den Wohlstand eines Landes zu beurteilen. Lebensqualität und Wachstum seien aber ohnehin untrennbar miteinander verbunden. Nur gebe es leider viele Länder, "wo die Regierungen aus Eigennutz oder Unfähigkeit das gute, ressourcenschonende Pro-Kopf-Wachstum behindern und auf schlechtes, ressourcenintensives Gesamtwachstum setzen".

Prognosen sagen ein düsteres Ende voraus

Wirtschaftswachstum generiert also Wohlstand. Aber sind damit auch Nachteile verbunden? Etwa für die Umwelt oder die Menschen selbst? Seit dem im Jahr 1972 vom Club of Rome veröffentlichten Bericht "Die Grenzen des Wachstums" werden diese und ähnliche Fragen heftig diskutiert. Auf ökonomischer, aber auch politischer oder moralischer Basis. In der Analyse von damals wurde jedenfalls vor enormen wirtschaftlichen Turbulenzen im 21. Jahrhundert gewarnt. Und es wurde gefordert, dass sich die Wirtschaft radikal ändern müsse, damit Wohlstand nicht auf Kosten der Umwelt gehe. 2018, zum 50-Jahr-Jubiläum der Organisation, wurde noch mal nachgelegt. Fazit: "Die meisten der ursprünglichen Schlussfolgerungen gelten noch immer", so Johan Rockström, einer der Autoren des neuen Berichts.
Der Schweizer Wirtschaftswissenschafter Mathias Binswanger weist in seinem aktuellen Buch "Der Wachstumszwang. Warum die Volkswirtschaft immer weiterwachsen muss, selbst wenn wir genug haben", erschienen im Wiley-VCH Verlag, Berlin 2019, ebenfalls auf die Probleme der Umweltbelastung hin, ortet aber noch ein weiteres Problem: Ab Erreichen eines bestimmten Wohlstandsniveaus mache eine weitere Zunahme die Menschen auch nicht glücklicher oder zufriedener. Mehr noch: Das ständige Postulat nach "mehr" bedeute extremen Stress, von dem sich viele lieber befreien bzw. den viele nicht mehr auf sich nehmen wollten. Er ist sicher, dass das Streben nach Wachstum nicht mit ökologischen Zielen vereinbar sei und wir insgesamt in einem Teufelskreis feststeckten, in welchem die Bedürfnisdeckung durch die Bedürfnisweckung ersetzt worden sei. Trotzdem sei die Wirtschaft sozusagen zum Wachstum verdammt.

Andere wiederum bezweifeln das. Sie meinen, es sei schier unmöglich, dass es auf einem - schließlich - endlichen Planeten unendliches Wachstum gebe. Selbst auf den Aktienmärkten scheint man sich nicht sicher zu sein. Wie sonst wäre es zu erklären, dass beinahe jede Veränderung gleich zu einer großen Verunsicherung an den Börsen führt?

Degrowth oder Green Growth als Alternative?

Besonders kritisch wird - wie bereits zu Beginn erwähnt - das unbegrenzte Wachstum vonseiten der Ökologie betrachtet. Durch den hohen Ressourcenverbrauch werde die Erde ausgebeutet, den nachfolgenden Generationen werde damit die Lebensgrundlage entzogen. Während sich Umweltschützer und Kapitalismusgegner am Wachstum reiben, gibt es Bewegungen, die sehr wohl andere Szenarien im Auge haben. Dafür stehen Begriffe wie Degrowth oder Green Growth, was so viel bedeutet wie Schrumpfung bzw. grünes Wachstum. Der deutsche Ökonom Niko Paech ist ein erklärter Wachstumsgegner und fordert laut einen Totalumbau des Wirtschaftssystems in den reichen Ländern - weg vom angeblichen Wachstumszwang hin zu einer Befreiung vom Überfluss. Er glaubt nicht daran, dass eine Steigerung der Produktion notwendig ist, um die Lebensqualität bei uns aufrechtzuerhalten. Außerdem könne nur eine Schrumpfung der Wirtschaft die Überbeanspruchung der Natur beenden. Die Menschen müssten damit ihren eigenen Lebensstil abwählen, sich quasi um 180 Grad wenden - hin zu Genügsamkeit, Selbstbegrenzung, Entsagung.

Die Anhänger des Gedankens von Green Growth sind hingegen davon überzeugt, dass Wachstum auch in wohlhabenden Volkswirtschaften sehr wohl notwendig sei, um den gewohnten Standard zu halten, dass man dabei aber den Verbrauch der Ressourcen zurückschrauben und die Wirtschaft somit ökologisch "entkoppeln" könne. In der vom deutschen Umweltbundesamt vergangenen Herbst veröffentlichten Studie mit dem Titel "Gesellschaftliches Wohlergehen innerhalb planetarer Grenzen" werden beiden Positionen Schwächen zugeschrieben. Vor allem deshalb, weil "beide Positionen auf Kernannahmen beruhen, die sich wissenschaftlich nicht hinreichend begründen bzw. belegen lassen". Das mit der Studie beauftragte Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) schlägt deshalb eine weitere Position zur Diskussion vor, nämlich die des "vorsorgeorientierten Postwachstums". Demnach sei es ungewiss, "wie sich die Wirtschaftsleistung entwickeln wird, wenn die Wirtschaftsweise in den wohlhabenden Ländern im Einklang mit globalen ökologischen Zielen grundlegend verändert wird". Anzustreben sei vielmehr, gesellschaftliche Systeme (Sozialversicherung, Bildung, Finanzen etc.) so zu verändern, dass diese ihren Beitrag zum Wohlergehen der Bevölkerung unabhängig von der Wirtschaftsleistung erzielen könnten. Wie das funktionieren kann? - Darauf geben die Autoren der Studie keine konkreten Antworten.

Qualität statt Quantität

Gegner des Wirtschaftswachstums konzentrieren sich in erster Linie auf die Quantität der erzeugten Waren. Dass dieses genauso gut durch mehr Dienstleistungen oder eine Qualitätssteigerung erzielt werden kann, lassen sie meist außer Acht. Hier spielt auch der technologische Fortschritt mit hinein. Die Digitalisierung etwa hat dazu geführt, dass der gleiche Output mit weniger Einsatz - vorwiegend menschlicher Arbeitskraft - erreicht werden kann. Und auch damit steigert man die Produktivität.
Wie auch immer - im Moment sind die Wirtschaftsprognosen ohnehin eher düster. In Österreich ist das Wachstum im heurigen Jahr von 2,7 Prozent auf 1,5 Prozent gesunken - ein Wert, der laut WKO-Statistik auch im nächsten Jahr nicht überboten werden wird. In Deutschland zeichnet das Institut der deutschen Wirtschaft - IW Köln ein noch pessimistischeres Szenario: Für dieses Jahr wurden die Voraussagen für das reale Bruttoinlandsprodukt bereits von 1,4 auf 0,5 Prozent heruntergeschraubt. Für 2020 rechnet man mit einer Wachstumsrate von 0,8 Prozent. Grund für das schwache Wachstum sind laut einer aktuellen Aussendung des Instituts "die zahlreichen Konflikte und Unsicherheiten, die die Weltwirtschaft bremsen - vom Handelsstreit zwischen den USA und China über die schwierige politische Lage im Nahen Osten bis hin zum drohenden Brexit".

Quelle: SN

Aufgerufen am 18.11.2019 um 02:57 auf https://karriere.sn.at/karriere-ratgeber/neuigkeiten-trends/kann-die-wirtschaft-unendlich-wachsen-78413743

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