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Johannes Scherr im Interview: "Design ist mehr als Ästhetik!"

Design, das bedeute nicht nur Aussehen, sondern auch Funktionalität und technische Machbarkeit, sagt der Grazer Designer Johannes Scherr.

Das Thema Design rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Selbst "anonyme" Industrieprodukte kommen nicht mehr ohne eigenständiges Design aus. Das hat viele Gründe. "Design ist mehr als Ästhetik", betont Johannes Scherr, Designer mit Standort Graz, der sein Wissen und Können vorwiegend für die heimische Wirtschaft einbringt. "Die Rolle des Designs ist es, quasi ,Anwalt' des Konsumenten zu sein", sagt er. "Ich bin Vermittler zwischen Produzent und Anwender." Dazu braucht es viel Empathie, um die Bedürfnisse des Anwenders zu verstehen. Die Lösung ist immer eine Mischung aus Funktion und Ästhetik. "Ästhetik allein unterstützt, ist aber nicht das alleinige Element." Er nennt als Beispiel das Design eines Stuhls. Da stellen sich im Vorfeld schon viele Fragen, etwa die der Anwendung. Soll es ein "frei schwebender" Stuhl für ein Kreativbüro sein oder einer für ein Kaffeehaus? Das wäre dann die Kategorie Thonet-Kaffeehaussessel. "Für einen Designer ist es wichtig, in Lösungen denken zu können", sagt Scherr. Außergewöhnliche Ästhetik sei dabei nicht immer die richtige Lösung, sagt er und verweist auf das "Maya-Prinzip", zusammengesetzt aus den Worten "Most advanced yet acceptable". Ein Produkt soll so neuartig sein, dass es der Kunde noch akzeptiert. "Design, das ist auch Material, Funktionalität und Anwendung", betont Scherr. Er sei einer, der immer "besonders tief" in die Materie einsteige, das heißt, auch bis zur Fertigung.

Der Steirer weiß, wovon er spricht. Er hat schon für viele heimische Unternehmen Designs entwickelt. In der Öffentlichkeit bekannt sind die Flaschen für Carpe Diem, Rauch-Fruchtsäfte oder aktuell für den "Puchheimer Edelbrand" des Herstellers Spitz. Bei Letztgenanntem habe er die Architektur von Schloss Puchheim ebenso aufgenommen wie die Form der barocken Zwiebeltürme, wie sie für die dortigen Kirchen typisch sind. "Gerade bei Glasflaschen braucht man viel Spezialwissen", erzählt Scherr. "Denn da sind auch die Maße von Standard-Transportkisten und die Größe von Supermarktregalen zu berücksichtigen." Und natürlich die technische Anforderung bei der Abfüllung. "Bei einer Schnapsflasche geht es aber auch um das Auffallen und den Wiedererkennungswert durch die Silhouette. Mir ist gerade diese Fernwirkung wichtig, also dass ich ein Produkt auch über eine gewisse Distanz erkennen kann", erklärt Scherr. Das galt auch für die Fruchtsaftflaschen von Rauch, deren Relief man in der Hand spüren kann. "Wichtig war da auch das ,Plopp' beim Öffnen." Bei Carpe Diem sei es hingegen um die Assoziation mit dem Wellness-Anspruch gegangen. Deshalb sei das Design "asiatisch", repräsentiert durch Bambus.

Neues Design, neue Materialien

Doch Scherr beschäftigt sich nicht nur mit Flaschendesigns, wo das Produkt auch gleichzeitig die Verpackung ist. Vor einigen Jahren hat er die Lautsprecherserie "Audiofeel" entworfen. "Wir haben da als Erste eine textile Oberfläche verwendet. Die Kugellautsprecher haben zudem eine ganz besondere Form, sind gleichzeitig aber technisch auf dem neuesten Stand."
Viel Spaß hat ihm auch die Entwicklung der Zeppy-Bluetooth-Lautsprecher gemacht. Diese seien "flippig" in verschiedenen Designs erhältlich, wasserdicht, und damit für Badewanne oder Strand geeignet, könnten sogar angenehme Vibrationen übertragen und seien leicht zu bedienen. "Beim EU-Gipfel in Salzburg haben alle Staats- und Regierungschefs ein Exemplar erhalten", sagt Scherr stolz.
Aktiv ist er auch für den Elektronikhersteller Philips, für den er eine Diktiergerät-Serie gestaltete. "Das ist zwar heute kein Massenprodukt mehr, wird aber für manche Anwendungen, etwa von Rechtsanwälten oder Ärzten, noch gebraucht. Wir haben da schon sieben Generationen gemacht." Sogar einen Jetski hat Scherr schon mitentwickelt.

Auch Industrieprodukte brauchen Design

Dass Design auch auf ganz anderer Ebene wichtig ist, zeigen Scherrs Entwürfe für Komptech, einen Hersteller von Maschinen und Systemen für die Abfallaufbereitung bzw. für Biomasse, oder Hymog, den Hersteller landwirtschaftlicher Arbeitsgeräte. Scherr, der an der Fachhochschule Joanneum in Graz Industrial Design studierte, erklärt, wieso auch bei solchen Produkten Design eine wichtige Rolle spielt: "Eine Maschine hat natürlich eine ganz andere Zielgruppe als beispielsweise ein Lautsprecher. Es geht dann viel mehr um die Markenerkennung und das Wiedererkennen von Produktpaletten."
Als Beispiel nennt er das Flottendesign von Autos. Fahrzeuge seien oft über viele Jahre erkennbar, auch wenn sie auf den zweiten Blick ganz anders ausschauten als die Vorgängermodelle. "Das darf sich nicht einfach wiederholen, vielmehr geht es um ein Spiel mit Historie und zeitgemäßer Weiterentwicklung." Die Autobranche sei ein großes Vorbild. "Sie war immer eine wichtige Branche für Designer." Gerade bei Autos wirke sich Design stark auf den Absatz aus. "Oft ist technisch zwischen den Modellen der verschiedenen Hersteller kein großer Unterschied, umso wichtiger ist daher das Design." Da spiele auch die Haptik eine große Rolle, also wie sich ein Auto anfühle, etwa im Inneren.

Vorbild Steve Jobs

Für wirklich Großes in der Produktentwicklung und im Design brauche es aber Ausnahmeerscheinungen wie etwa Steve Jobs von Apple. "Menschen, die so denken können, findet man nur in ganz wenigen Unternehmen." Üblicherweise werde bei der Neuentwicklung viel mit Marktforschung gearbeitet, erklärt Scherr, der auch an den Fachhochschulen Joanneum und Salzburg unterrichtet. "Doch die Marktforschung steht großen Entwicklungen oft im Weg." Steve Jobs habe dank seiner Persönlichkeit und der starken Firmenmarke Dinge ersonnen, um die sich erst nachher ein Markt entwickelt habe. "So etwas findet man heute noch am ehesten bei Start-ups."
Apropos Apple: Da sind sogar die Verpackungen ein eigenes Designobjekt. Scherr: "Apple hat das als Erstes so gemacht, dass die Verpackung beim Kauf ein Teil des Produkts ist." Gerade bei hochwertigen Produkten spiele die Verpackung eine wichtige Rolle, auch hier sei oft die Haptik entscheidend. "Allerdings gibt es einen Trend zu mehr Nachhaltigkeit", betont Scherr. "Auch damit kann man die Botschaft der Marke vermitteln." In diesem Sektor "brauchen wir aber noch viele Pioniere!"

Aufgerufen am 20.01.2019 um 08:41 auf https://karriere.sn.at/karriere-ratgeber/neuigkeiten-trends/johannes-scherr-im-interview-design-ist-mehr-als-aesthetik-62335204

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