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Die Zukunft der Pflege

Raus aus dem Mangel. Was muss passieren, um mehr Menschen für Pflegeberufe zu begeistern? Ein Interview.

Die Zukunft der Pflege SN/Good Studio - stock.adobe.com
Die Zukunft der Pflege

Bis 2030 geht man in Österreich von 76.000 fehlenden Arbeitskräften in der Pflege aus - bedingt durch den demografischen Wandel mit niedrigeren Geburtenraten, aber auch durch steigende Anforderungen des Pflegeberufs, denen nicht mit adäquaten Entlohnungen Rechnung getragen wird. Norbert Piberger von der Arbeiterkammer Salzburg, selbst einstiger Krankenpfleger und Vorstandsmitglied des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, und Irene Mössler, Pflegedienstleitung am Uniklinikum Salzburg, berichten, was es braucht, um der Pflegekrise entgegenzuwirken.

Warum tun sich Organisationen schwer damit, Pflegekräfte zu finden? Norbert Piberger: Ein Thema ist mit Sicherheit das Gehalt, wobei es hier, auch durch das Pflegepaket des Bundes, positive Entwicklungen geben kann. Pflegekräfte haben eine hohe Verantwortung zu tragen, die Entlohnung muss daran angepasst werden. Die Ausbildung zur Diplompflegekraft ist seit 2008 mit einem FH-Studium akademisiert. Das wurde jedoch bislang bei der Bezahlung des gehobenen Diensts insgesamt nicht berücksichtigt. Nicht akademisch ist die Ausbildung zur Pflegeassistenz und zur Pflegefachassistenz, die Bezahlung für diese ist hinsichtlich der Ausbildungsdauer nicht schlecht, durch die hohe Verantwortung der Berufe jedoch nicht angemessen.

Bild: SN/ak salzburg
„Der Lohn in der Pflege muss zur hohen Verantwortung passen.“ Norbert Piberger, Arbeiterkammer Salzburg

Irene Mössler: Das Problem hat auch viel mit dem demografischen Wandel zu tun - immer mehr Pflegebedürftige treffen auf weniger junge Menschen, die am Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Die Ausbildungsplätze für Diplompflegekräfte wurden in Salzburg von 40 auf 200 gehoben, können jedoch durch einen Bewerbermangel nicht alle besetzt werden. Die Bezahlung spielt eine Rolle, ich sehe jedoch besonders die Erweiterung der Kompetenzen als ein großes Thema. Derzeit wird der Alltag für Pflegekräfte dadurch erschwert, dass sie für viele Dinge erst die ärztliche Anordnung benötigen, die sie nach einer Weiterbildung sehr gut selbstständig erledigen könnten.

Wie lassen sich Pflegeberufe wieder schmackhaft machen? Piberger: Wir machen schon Schritte in die richtige Richtung. Während ihres Studiums erhalten angehende Pflegekräfte in Salzburg im ersten Semester 100, im zweiten 200 und im dritten 300 Euro im Monat - das deckt allerdings den Lebensunterhalt in keiner Weise. Ab September wird es nun erstmalig einen Ausbildungszuschuss geben, bei dem 600 Euro pro Ausbildungsmonat an alle gezahlt werden, die ihre Erstausbildung in einem Pflegeberuf absolvieren. Für Wiedereinsteiger und Umsteiger ist ein Stipendium mit monatlich 1400 Euro vorgesehen. Hier ist jedoch deutlich Luft nach oben, wenn man bedenkt, dass im ersten Jahr der Polizeiausbildung 1820 Euro monatlich ausgezahlt werden. Luft nach oben ist natürlich auch in der generellen Entlohnung in Pflegeberufen. Auch das Thema der Praktikumsbegleitung in Pflegeeinrichtungen ist wichtig, weil sie die ersten Eindrücke von Berufsanwärterinnen und -anwärtern entscheidend prägt. Zudem müssen Pflegekräfte dringend entlastet werden: erstens in Sachen Dokumentation, die sich einfacher gestalten ließe, und zweitens bei berufsfremden, so auch hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, die von Nicht-Pflegekräften übernommen werden können. Stattdessen sollten Pflegerinnen und Pflegern mit entsprechenden Fachkenntnissen mehr medizinische Kompetenzen zugesprochen werden. Sie sollen ihre Kompetenzen leben können, die über die Grundversorgung hinausgehen.

Mössler: Wenn Pflegerinnen und Pfleger Zeit für ihre Tätigkeiten haben, also für die pflegerischen, medizinischen und psychosozialen, dann trägt das zur Zufriedenheit und zum Image der Pflege bei. Ich selbst habe viele Jahre am Krankenbett gearbeitet und den Beruf immer als einen sehr schönen, wertvollen und sinnstiftenden erlebt. Das wird aus meiner Sicht medial zu wenig dargestellt. Es ist ein anspruchsvoller, aber auch sehr interessanter Beruf: Die Medizin hat sich stark weiterentwickelt und so auch die Pflege, entsprechend braucht es fachliche Weiterbildung und Kompetenzerweiterungen, damit sich Menschen in Pflegeberufen spezialisieren können und Zukunftsperspektiven vor Augen haben.

Was unternimmt das Uniklinikum, um mehr Personal in der Pflege zu akquirieren? Mössler: Wir tun zunächst einmal viel, um unsere aktuell Beschäftigten zu erhalten, zum Beispiel mit unseren gut genutzten Fortbildungsmaßnahmen und der betrieblichen Gesundheitsförderung. Zudem bemühen wir uns, die Rahmenbedingungen zu verbessern, so auch durch die Verstärkung der Nacht- und Tagschichten. Uns ist wichtig, mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Dialog zu sein und dass unser Team auf Augenhöhe arbeitet - so auch medizinische und pflegerische Fachkräfte. Um neue Pflegerinnen und Pfleger zu gewinnen, führen wir Kampagnen durch und haben ein gut funktionierendes Recruiting für Bewerbungen. Zudem besuchen wir die Abschlussklassen der Pflegeschulen und Fachhochschulen, um uns als Arbeitgeber vorzustellen. Um Praktikantinnen und Praktikanten zu begleiten, bieten wir auf jeder Station mindestens eine Praxisanleitung. Uns ist wichtig, den Alltag als Pflegerin und Pfleger so attraktiv wie möglich zu gestalten.

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