Wo der Titel regiert

Herr Magister, Herr Doktor - oder gar Herr Bergrat honoris causa. Die Anrede ist in Österreich so wichtig wie in kaum einem anderen Land. Doch die Bedeutung von Titeln flaut ab. Wie man mit der Entwicklung umgehen soll - etwa bei Bewerbungen.

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Heinz Kasparovsky, Leiter der Abteilung Internationales Hochschulrecht und Anerkennungsfragen im Wissenschaftsministerium: „Wenn Österreicher keinen Titel haben, glauben sie, nicht weiterzukommen.“

Es ist subtil gelöst. Aber immerhin derart augenscheinlich, dass jedem Nutzer klar wird, wie wichtig Österreichern die Anrede sein muss: Wer auf Xing, der größten deutschsprachigen Karriereplattform, seinen akademischen Titel eintragen will, bekommt sechs Optionen vorgeschlagen. Doktor, Professor, Professor Doktor, Ingenieur, Diplom-Ingenieur und Magister. Die drei letztgenannten werden von der Hamburger Karriereplattform explizit als "Akademische Grade in Österreich" ausgeschildert. Dabei gibt es Diplom-Ingenieure oder Magister auch in Deutschland. Der Magister gilt sogar als ältester Abschluss an deutschen Hochschulen.

Legen Österreicher tatsächlich so viel Wert auf Titel? "Eindeutig ja", sagt Heinz Kasparovsky, Leiter der Abteilung Internationales Hochschulrecht und Anerkennungsfragen im Wissenschaftsministerium. Kasparovsky und sein Team bilden die zentrale Anlaufstelle, wenn es um die Anerkennung von beruflichen oder akademischen Titeln in Österreich geht. "Die Menschen in diesem Land brauchen offenbar Titel. Wenn sie keinen haben, haben sie das Gefühl, dass sie nicht weiterkommen."

"Für jede Kleinigkeit gibt es einen Titel"

Rund 1500 Titel und Berufsbezeichnungen sind hierzulande offiziell per Gesetz geregelt. So viele wie in kaum einem anderen Staat der Welt - zumindest im Verhältnis zur Einwohnerstärke. "Für jede Kleinigkeit gibt es einen Titel", ergänzt Kasparovsky. Einen Militärerzdekan gebe es ebenso wie einen Bergrat honoris causa. Der "Bergrat h. c." wird Absolventen verliehen, die ein Studium an einer Hochschule für Berg- und Hüttenwesen abgeschlossen haben, etwa an der Montanuniversität in Leoben - und zudem "auf montanistischem Gebiet hervorragende Leistungen" gezeigt haben.

Offizielle Titel dürfen in Österreich von drei Anlaufstellen vergeben werden: Akademische Titel verleihen ausschließlich Bildungseinrichtungen - und zwar nach klaren rechtlichen Grundlagen. Bund und Länder dürfen Titel hingegen beinahe uneingeschränkt einführen. Entsprechend unterschiedlich werde in den einzelnen Bundesländern mit dem Thema umgegangen, erläutert Kasparovsky. In Vorarlberg und Wien sei die Zahl der offiziellen Titel etwa stark gekürzt worden.

Der Spitzenreiter im Titelland ist Niederösterreich

Niederösterreich ist indes Spitzenreiter, wenn es um vergebene Titel geht. Und das treibt zuweilen doch auffällige Blüten: So gibt es in St. Pölten den "Oberbrückenbaumeister der niederösterreichischen Landesregierung". In Salzburg gebe es nicht so viele auffällige Titel. Gesamt schneide das Bundesland mit rund 50 Amtstiteln "relativ moderat" ab, schildert der Experte. Doch auch in Salzburg wird die Tradition erhalten: Erst vor Kurzem verlieh Landeshauptmann Wilfried Haslauer sieben Hofräten, drei Regierungsräten und einer Amtsrätin ihre neuen Berufstitel.

Auch in der heimischen Privatwirtschaft können (inoffizielle) Titel frei erfunden werden. Die Titel müssen aber reine Berufsbezeichnungen sein - und dürfen sich nicht mit offiziellen Anreden überschneiden. Zudem ist es strikt verboten, Titel zu führen, die einem so nicht zustehen. "Univ.-Doz." darf etwa nur von habilitierten Wissenschaftern an Universitäten geführt werden - und nicht von einfachen Lehrbeauftragten. Wer sich mit einer Bezeichnung schmückt, die ihm nicht zusteht, muss mit rechtlichen Folgen rechnen. Verwaltungsstrafen von "ein paar Tausend Euro" könnten verhängt werden, erläutert Kasparovsky. Und wenn jemand mit seinem falschen Titel Geschäfte abgewickelt hat, könne er noch wegen Betrugs belangt werden.

Der Phantomschmerz der Österreicher

Doch woher kommt nun der österreichische Hang zu Titeln? Kasparovsky ortet vor allem einen historischen Hintergrund. Zu Habsburger-Zeiten sei das Land derart groß gewesen, dass es Ordnung durch sachbezogene Hierarchien gebraucht habe - vor allem in der Militärverwaltung. Und eben diese Hierarchien hätten in Österreich, aber auch in Nachbarländern wie Ungarn oder Tschechien bis heute überlebt. Der Titel Hofrat sei ein gutes Beispiel: "Er wird nach wie vor vergeben. Obwohl Österreich schon lang nicht mehr so groß ist wie zur K.-u.-k.-Zeit. Und obwohl es schon lang keinen Hof mehr gibt." Als Hofrat dürfen sich höhere Bundesbeamte bezeichnen, die eine bestimmte Verwendungsgruppe erreicht haben (Amtstitel). Zudem kann der Titel ehrenhalber vergeben werden (Berufstitel). Und der Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium ergänzt: "Bei zwei Dritteln aller Titel stellt sich die Sinnfrage."

Wolfgang Rehrl, Geschäftsführer der Salzburger Personalberatungsfirma Rehrl und Partner, ist dennoch der Ansicht, dass ein Österreicher seinen (akademischen) Titel führen soll - zumindest wenn er sich im Land um eine Stelle bewirbt. "Wir geben nicht die Empfehlung, etwas wegzulassen. Wir raten, den Titel anzuführen", sagt Rehrl. Zudem gibt er einen weiterführenden Tipp. Auf der ersten Seite der Bewerbung sollten nach dem Kurzsteckbrief samt Titel die Joberfahrungen folgen - und erst auf Seite zwei die Ausbildung. "Den Unternehmen ist es wichtig, dass der Kandidat beruflich weiterhelfen kann." Deshalb sollte man die berufliche Qualifikation betonen.

Aber Wolfgang Rehrl schränkt den Titelzentrismus auch ein: Bei deutschen Kandidaten sei es kaum üblich, den Magister, Master oder Bachelor anzugeben. In den skandinavischen Ländern käme überhaupt niemand auf die Idee, seinen Titel zu führen. Und in den Vereinigten Staaten werde höchstens der Doktor geführt, ergänzt Experte Heinz Kasparovsky.

Titelträgern begegnet man anders

Auch die Mitarbeiter von Wolfgang Rehrl haben weder auf ihren Visitenkarten noch auf der Website ihre Studienabschlüsse hinterlegt. Doch das hat andere Gründe: Bewerber, die die Personalberatungsfirma für Kunden prüft, könnten von den Titeln eingeschüchtert werden - und sich etwa bei Erstgesprächen anders geben. Diese Befürchtung ist offenbar begründet. Bei einer Studie des Marktforschungsinstituts Marketagent gaben 2016 53 Prozent der Befragten an, Titelträgern anders zu begegnen. Indes fühlen sich zwei Drittel all jener, die keinen Hochschulabschluss haben, Akademikern gegenüber zumindest teilweise benachteiligt. Und einen tatsächlichen Vorteil durch ihren Titel empfinden mehr als die Hälfte der Befragten (rund 53 Prozent).

Doch wer nun meint, nur mit einem Titel bzw. einem Hochschulabschluss könne man in Österreich Karriere machen, der irrt. Laut Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria (2017) sind lediglich 51 Prozent der heimischen Angestellten mit "höheren, hoch qualifizierten und führenden Tätigkeiten" Akademiker. Die Statistik kann aber auch anders gelesen werden: Ja, man kann es in Österreich als Nichtakademiker in eine Führungsposition schaffen. Aber mit einem Studienabschluss ist die Wahrscheinlichkeit doch wesentlich größer, bei "höheren Tätigkeiten" zu landen. Unter allen unselbstständig Beschäftigten liegt die Akademikerquote nur bei 19 Prozent - in Führungspositionen sind Akademiker also klar überrepräsentiert.

Ein Studium ist kein Garant für einen Job

Auch Rudolf Feik ist der Meinung, dass akademische Abschlüsse nicht an Wert verloren haben: "Die Akademikerarbeitslosigkeit ist immer noch geringer als in den anderen Bildungsstand-Gruppen", beschreibt der Vizerektor für Qualitätsmanagement und Personalentwicklung an der Uni Salzburg. Allerdings habe man heutzutage mit einem Studium keine Jobgarantie. "Und immer mehr Absolventen weichen auf Nichtakademikerstellen aus", ergänzt Feik. An der Universität Salzburg würden sich etwa immer mehr Akademiker auf Sekretariatsstellen bewerben. Deshalb sei es "heute wahrscheinlich schwieriger als früher", ohne Studienabschluss eine steile Karriere im administrativen Bereich einer Universität hinzulegen. Schon auf "gehobener Sachbearbeiterebene" seien fast durchwegs Akademiker angestellt. "Eine Karriere, bei der man als Nichtakademiker einschlägig akademisch ausgebildete Personen überholt, ist schwer." Ein "Überholverbot" gebe es aber nicht. Schließlich sei entscheidend, wie gut eine Stelle zu jemandem passt - nicht der vor Jahrzehnten erworbene akademische Grad. Und der Vizerektor ergänzt mit Anleihe aus der Literaturgeschichte: "Denn wie schon Goethes Faust erkennen musste, geht mit einem Studium allein nicht die Klugheit einher. Praxiserfahrung und Kompetenzen sollten gegenüber theoretischem Wissen niemals vernachlässigt werden."

Wandel beim österreichischen Titelfokus?

Parallel spricht sich Rudolf Feik auch bei Anreden für einen Wandel an Unis aus. Gewisse Umgangsformen seien zwar nötig. "Auf ein ,Oida, wo is mei Notn' würde ich vermutlich nicht begeistert reagieren", sagt Feik. Es gebe aber Professoren, die ihrerseits die Studenten als "Kollegen" ansprächen, selbst jedoch mit "Herr Professor" angeredet werden wollten. Woher dieses Bedürfnis komme, könne Feik nicht nachvollziehen: "Wenn man Universität - ,universitas' - als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden begreift, dann ist für ,Titeldünkel' wenig Platz."

Immerhin ortet der Vizerektor einen gewissen Wandel beim österreichtypischen Titelfokus. Vor allem durch den Bologna-Prozess, bei dem seit 1998 der europäische Hochschulraum harmonisiert wurde - und die meisten Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt wurden. "Es ist halt viel einfacher, ,Herr Magister Huber' als ,Herr Bachelor Schuster' zu sagen", beschreibt Feik. Zudem würden die Titel hinter dem Namen geführt - was die klassische Anrede erschwere. Deshalb ist sich der Vizerektor für Qualitätsmanagement und Personalentwicklung sicher: "Mit fortlaufender Zeit wird die ,Titelgeilheit' zurückgehen, weil sich die neuen Titel dafür einfach nicht so gut eignen."

Ein Titel bringt bürokratischen Aufwand mit sich

Selbst Hochschulrechtsexperte Kasparovsky kämpft dafür, "dass die Titel-Affinität zurückgeht" - obwohl er damit seinen eigenen Arbeitsbereich beschneidet. Allein die Pflege der Titel im Gesetzesblatt nehme unnötig viel Zeit und Mühe in Anspruch. Zudem setzt sich Kasparovsky seit Jahren dafür ein, dass akademische Titel nicht in öffentliche Urkunden eingetragen werden sollen, etwa in einen Reisepass. Allein schon um den "riesigen Verwaltungsaufwand" im Hintergrund abzubauen. "Wir haben das immer wieder vorgeschlagen", beschreibt der Leiter des Anerkennungszentrums im Wissenschaftsministerium. "Doch das kann nur per Gesetz geändert werden. Und noch ist es nicht so weit gekommen."

Kasparovsky lebt seine Vorgaben auch selbst. Der Abteilungsleiter ist Doktor der Rechtswissenschaften. In seiner E-Mail-Signatur fehlt der Titel jedoch. "Es würde mir irgendwie komisch vorkommen, wenn ich den Doktor angebe - vor allem, wenn ich mit internationalen Kontakten zu tun habe." Einen ähnlichen Zugang hat Vizerektor Univ.-Prof. Dr. Rudolf Feik. An der Universität komme es sogar vor, dass er mit "Magnifizenz" angesprochen werde, der traditionellen lateinischen Anrede für einen Hochschulrektor. "Mir reichen ,Herr Feik' oder ,Rudi'", sagt er. Freilich sei er auf seinen akademischen Grad und seine Position stolz. Aber: "Wenn ich Wertschätzung daraus ableite, wie formvollendet mich eine Sekretärin oder ein Mitarbeiter der Personalabteilung anspricht, mache ich etwas falsch."

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