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Wie wir Schwarmwissen aus Netzwerken nutzen können

Ein Gerücht hält sich hartnäckig: Wenn es darum geht, Wissen zu beschaffen, dann haben Männer die Nase gelegentlich vorn. Das muss aber nicht so bleiben, wie auch Beispiele an Unis zeigen.

Ja, es stimmt offenbar wirklich: Frauen sind die schlechteren Netzwerker. Weil sie Seilschaften weniger eingehen und pflegen, entstehen für sie Nachteile. "Das erlebe ich in meinen Seminaren und Projekten immer wieder. Frauen scheuen sich oft, offensiv auf jemanden zuzugehen und sich mit ihrer vollen Größe und Kompetenz zu zeigen", sagt Brigitte Maria Gruber. Sie leitet die Frauenfachakademie Schloss Mondsee. Die Bildungsexpertin betont, dass es nicht ausreiche, "nur gut zu sein" - Frauen müssen das auch kommunizieren. Was sie dazu brauchen? Kontaktfreude, Klarheit und Mut. Eigenschaften, die gemeinhin schneller Männern als Frauen zugeschrieben werden.

Netzwerk-Power an der Uni Salzburg

Zahlenmäßig klar im Vorteil sind Frauen allerdings an der Universität Salzburg, wenn es um werte- und stärkenorientierte Beratung geht. Das sagt Martin Mader vom Career Center der Uni. "Netzwerken sehe ich aus zweierlei Hinsicht als sinnvoll: Einerseits, um sich inspirieren zu lassen und andererseits, um gezielt nach Gleichgesinnten Ausschau zu halten", erklärt er den "Salzburger Nachrichten".

Wenn es darum geht, für Klarheit auf dem beruflichen Weg zu sorgen, dann empfiehlt er Vernetzungsangebote, zum Beispiel mit potenziellen Arbeitgebern. So könne das, was Frauen und Männer bei der werte- und stärkenorientierte Beratung erfahren haben, gleich selbst und nach außen anwenden. Das sei der Prozess, den die Uni Salzburg ihren Studierenden und Absolventen anbiete. Dieser sei mit viel Selbstreflexion verbunden und deshalb nachhaltig - und er wird derzeit von den Frauen wesentlich mehr angenommen. "Die klassische 80:20 Regel gilt im Wesentlichen noch immer", sagt Martin Mader.

Schwarmwissen hilft bei Entscheidungen

Stefanie Hofer hat schon von ihrer Mutter mitbekommen, wie wichtig es für Frauen ist, miteinander zu sprechen und füreinander zu arbeiten. Deshalb hat sie sich während ihres Jus-Studiums immer wieder Kreise gesucht, deren Teilnehmerinnen sich gegenseitig vorwärts brachten. Heute, mit 30 Jahren, hat Hofer sich gleich mehreren Netzwerken für Frauen angeschlossen. Was sie daran genießt? "Dass es so viel Schwarmwissen gibt, von dem ich nur profitieren kann. Ich hab mir vorgenommen, ein MBA-Studium zu machen und habe die Frage nach dem Fach in die Runde geworfen. Weil die anderen Frauen mich mittlerweile ganz gut kennen, haben sie mich auf Ideen gebracht, die großartig waren", erzählt sie. Missgunst habe sie hingegen nie wahrgenommen. Wenn ein Netzwerk professionell organisiert sei, habe so etwas keinesfalls Platz, meint sie. Die Zeiten, in denen Frauen andere aus Prinzip beim Vorankommen in Studium oder Job im Weg stehen, seien doch längst vorbei, sagt Hofer. "Ich finde es furchtbar, wenn Befindlichkeiten verhindern, dass etwas weitergeht. Wir sollen uns fördern und dafür auch nicht zu schüchtern sein."

Frauen dürfen mutiger sein

In dieselbe Kerbe schlägt Brigitte Maria Gruber von der Frauenfachakademie: "Frauen sind oft lieber nett als durchsetzungsstark. Gerne ermutige ich sie mit dem Motto ,Hoch von der Komfortcouch, das Leben spielt draußen vor der Tür!'" Gruber weiß: Netzwerken ist auch Arbeit. Das passiere nicht nur so nebenbei, dazu brauche es sogar eine gewisse Strategie um - egal in welcher Lebensphase - zu erkennen: Wer ist für mich wichtig? Für wen kann ich wertvoll sein? Wem kann ich etwas anbieten? Wo finde ich diese Menschen?

Sie erwähnt eine Untersuchung von QX-Quarterly Crossing, einem Netzwerk mit rund 2000 Führungskräften, in Zusammenarbeit mit der TU München. Diese kam zu dem Schluss, dass Männer beim Netzwerken strategischer vorgehen. "Manche nehmen sich viel Zeit für analoge Treffen. Andere geben sich Mühe bei der digitalen Kontaktaufnahme und weiteren Kontaktpflege." Hinzu komme, dass Frauen mehr Hemmungen haben, ihr Netzwerk beruflich um einen Gefallen zu bitten.

Die amerikanische Managementforscherin und Frauenförderin Kathryn Heath hat kürzlich 134 Führungskräfte in US-Konzernen befragt. Während Männer sich gerne mit Kollegen gegen andere verbündeten, so ihre Bilanz, lehnten 68 Prozent der Frauen strategische Allianzen generell ab. "Da haben wir echt Aufholbedarf", sagt Gruber.

Dabei seien Netzwerke "ein wunderbarer Pool um zu lernen, wie man mit unterschiedlichen Menschen gut umgehen kann". Freilich: Nicht jeder sei einem gleich sympathisch und doch pflege man den Gedankenaustausch. Außerdem sei ein Netzwerk laut Gruber besonders dann wertvoll, wenn es tatsächlich Seilschaften in unterschiedliche Ebenen bietet. "Da geht es nicht mehr um nett sein, sondern um ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Also Möglichkeiten, sich mit anderen Ebenen zu vernetzen, rein in die Entscheidungsgremien wie Chefetage oder Vorstandsebene", gibt die Oberösterreicherin zu Bedenken.

Machen Frauen sich auf die Suche nach ersten - oder neuen - Seilschaften, dann kann das damit klappen: "Indem man im Netzwerk präsent ist und mit Offenheit und Neugierde auf die Menschen zugeht", sagt Gruber. Jeder Mensch könne ein interessanter Gesprächspartner sein. Egal ob beim gemeinsamen Golfen oder Segeln, in Verbänden, Arbeitsgruppen, Lehrveranstaltungen oder auf Fachkonferenzen. Es komme immer darauf an, die richtigen Fragen zu stellen. Netzwerken sei eben Arbeit - und jedenfalls gut investierte Zeit.

Auch Mamas können netzwerken

Ob auch aus Mamas gute Netzwerkerinnen werden können? "Ja natürlich!" Gerade in der Karenz sei es wichtig, Kontakte weiter zu pflegen. Sicherlich brauche es ein gutes Zeitmanagement und helfende Hände, die sich um Kinder kümmern, wenn die Mama am Abend bei einer Veranstaltung netzwerkt. "Aber sich deswegen drei oder vier Jahre auszuklinken wäre meiner Meinung nach fatal", sagt Gruber.

Noch einen großen Unterschied verortet sie zwischen den zwei Geschlechtern: Frauen fehlen oft wegen der Kinder bei diversen Anlässen. Sie konzentrieren sich dafür auf die Sacharbeit und hängen vielleicht sogar noch abends zu Hause die eine oder andere Stunde dran, um eine Sache noch perfekt zu finalisieren. "In dieser Zeit stehen die Männer in der Runde bei einem Glaserl, tauschen sich aus und erledigen so manches somit nebenbei."

Auch Brigitte Maria Gruber hat das Netzwerken lernen müssen: "Dafür profitiere ich heute tagtäglich davon. Und es gibt in meinen vielen Kontakten immer jemanden, der wen kennt, der wen kennt. Das ist schon hilfreich und kürzt manche Wege ab. Wichtig ist auch, seinem Netzwerk etwas zu bieten. Wer im richtigen Moment eine kleine Hilfe gibt, verbessert seinen Marktwert und stärkt nebenbei seinen Selbstwert", berichtet sie. Wo sie am meisten Kontakte zu anderen geschlossen hat, das war die Akademie, die sie gegründet hat. Diese ins Leben zu rufen, sei viel Arbeit gewesen. Doch: "Ohne die vielen Kontakte, die ich im Vorfeld schon über zehn Jahre in unterschiedlichen Netzwerken aufgebaut hatte, würde es diese Weiterbildungseinrichtung für Frauen heute nicht geben. Da bin ich als aktive Netzwerkerin wirklich sehr dankbar dafür", sagt sie.

Blick über den Netzwerk-Tellerrand

Ein kurzer Schauplatzwechsel nach Salzburg. Dass Verbindungen, wenngleich technologische, auch im Bildungsbereich angesagt und erfolgreich sind, zeigt das Salzburger Bildungsnetzwerk. Insgesamt 600 Teilnehmer, auch Schulen, sind darin miteinander verbunden. Worum es sich konkret handelt? Um ein Datennetzwerk zwischen Schulen, Gemeinden und öffentlichen Bildungseinrichtungen im gesamten Bundesland Salzburg. Ziel ist die Integration von modernen Informationstechnologien und -medien zum Einsatz in Bildung und Verwaltung.

"Wer Dinge gemeinsam macht, spart sich viel Zeit, Arbeit und wahrscheinlich auch Geld. Da ist der Bereich, in dem man sich vernetzt, vielleicht sogar zweitrangig", sagt Benedikt Bergthaler. Der 23 Jahre alte Wiener bezeichnet sich als "Vollblut-Netzwerker". An der Universität habe er sich gleich einer Studentenverbindung angeschlossen. "Auch das ist ein feines Netzwerk, in dem sich die Mitglieder unter die Arme greifen, wenn es nötig ist", sagt er. Außerdem setzt er auf Lerngruppen, wenn Prüfungen anstehen. Selbst wenn diese privat organisiert sind, verfehlen sie ihre Wirkung nicht: "Bei großen Klausuren teilen wir die Themen auf und jeder schreibt Zusammenfassungen, die so gut wie möglich und gleichzeitig nur so umfangreich wie nötig sind", sagt Bergthaler - und ergänzt, dass die Noten ihm bisher stets rechtgegeben hätten.

Apropos Universität: Auch Clubs seien ein wertvolles Netzwerk. Das sagt etwa Rudolf Aichinger, der dem Alumni-Club der Universität Salzburg vorsteht. "Die Studienjahre sind eine entscheidende, prägende Zeit und Grundlage für vieles, was nachher kommt. Ich möchte dafür werben, dass die Dankbarkeit, die man empfindet, im Wunsch mündet, seiner Universität auch etwas zurückgeben zu wollen - je nach den persönlichen Möglichkeiten", erklärt der Alumni-Präsident, der Honorarkonsul der Republik Korea sowie Vorstand der SalzburgStiftung der American Austrian Foundation im Schloss Arenberg ist.

Ob etwas dagegen spricht, dass Frauen und Männer sich in den gleichen Netzwerken bewegen? "Nein", sagt Brigitte Maria Gruber. "Frauennetzwerke sind super zum Einsteigen und Lernen, aber nicht nur. Wir müssen uns in gemischten Netzwerken bewegen". Jede Form habe ihre Berechtigung - sich den Rücken in gemischten Netzwerken stärken zu lassen, sei realitätsnah und damit das Um und Auf.

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