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Schulwahl - Hilfe von den Eltern, Fehlentscheidungen und Umstieg

Mit dem Kind oder dem Jugendlichen "reden, reden, reden". Das ist psychologisch und pädagogisch eine Art "Goldstandard" für Probleme in der Schule.

Die SN sprachen mit der Pädagogin und Psychologin Ulrike Kipman über Schulwege und Umwege, über Klassengemeinschaft und den Umgang mit Mobbing.

Frau Kipman, was ist vonseiten der Eltern bei der Schulwahl hilfreich? Ulrike Kipman: Erstens mit dem Kind reden und nicht über das Kind hinweg entscheiden. Zweitens aber auch unvernünftige Entscheidungen thematisieren und dem Kind klarmachen, welche Konsequenzen es hat, wenn es diesen oder jenen Weg geht. Kinder können mit zehn Jahren schon gut ihren Wunsch und ihren Willen äußern und auch Konsequenzen verstehen, wenn man sie ihnen kindgerecht erklärt.

Wer kann am besten von außen raten? Die Lehrerinnen und Lehrer der Volksschule kennen die Kinder vier Jahre lang und wissen sehr genau, was sie können, welche Potenziale und Ressourcen sie haben. Bei größerer Unsicherheit kann man beim Psychologen die Interessen und Fähigkeiten austesten lassen, um zu sehen, wohin es grundsätzlich geht. Ein solcher Test kann vor allem helfen, wenn es um Interessen geht. Bei Musikalität kann ein Psychologe natürlich nichts valide testen, aber ob das Kind eher in einer kreativen Richtung oder sprachlich begabt ist oder zum Beispiel für einen Ingenieurberuf, da geben Tests gute Hinweise.

Manche Kinder und Jugendliche wissen früh, was sie werden wollen. Andere haben auch nach der Matura noch keine Ahnung. Manchmal sind die Talente eindeutig gelagert und die Kinder haben frühzeitig die Möglichkeit, diese auszuprobieren. Bei anderen dagegen sind die Talente sehr vielfältig und sie haben daher ihren Weg noch nicht gefunden. Da gibt es aber viele Möglichkeiten, um sich zu orientieren: vom Auslandsjahr über ein Betriebspraktikum bis zu einem Interessentest und darauf aufbauend einem Leistungstest, um zu sehen, ob für dieses Interesse auch die Begabung vorhanden ist. Klassisch ist das bei den Ingenieurswissenschaften, ob die Problemlösungskompetenz gegeben ist, oder in der Architektur, ob das räumliche Vorstellungsvermögen passt, oder beim Pilotenberuf, ob die Fähigkeit zur Daueraufmerksamkeit und zur Vigilanz vorhanden ist.

Wie weit soll man sich von künftigen Berufsaussichten beeindrucken lassen? Man kann immer eine Anstellung finden oder sich selbstständig machen, wenn man in einem Beruf kompetent ist. Aber es ist vernünftig, wenn man z. B. bei einem Studium mit wenig Berufsaussichten eine Spezialausbildung dazu macht oder ein Doppelstudium mit einem gefragten Fach als zweitem Standbein.

Man kann auch beispielsweise mit Orientalistik, zu der es in den Lexika immer heißt "schlechte Berufsaussichten", einen tollen Beruf finden, wenn man kreativ mit einem solchen Berufsbild umgeht. Jemand, der etwas von der Kultur und den Sprachen des Orients versteht, kann in Museen etwas finden oder im Integrationsbereich oder als Coach in international aufgestellten Unternehmen, die mit arabischen Ländern Handel treiben. Für die kann das Wissen über Sitten und Bräuche in diesen Ländern entscheidend für den Geschäftserfolg sein. Jemand, der sich in diesem Bereich auskennt, kann dann für das Unternehmen unentbehrlich sein. Konkret könnte man bei diesem Studium eine Coachingausbildung dazu machen, um die Berufsaussichten zu erweitern. Solche Zusatzausbildungen sind immer auch spannend. Man lernt neue Leute aus anderen Bereichen kennen, man hat Interessen und trifft Leute mit ähnlichen Interessen.

Warum machen sich Eltern nach wie vor Stress, dass ihr Kind ins Gymnasium muss? Ich habe in meinem Erfahrungsbereich gar nicht so sehr den Eindruck, dass das viele Eltern sind. Vor allem Eltern, die selbst in handwerklichen Berufen erfolgreich sind, lassen sich da nicht stressen. Es gibt jetzt auch die Lehre mit Matura. Da steht der junge Mensch von vornherein auf zwei Beinen. Das kann ihm niemand mehr wegnehmen.

Ist diese parallele Ausbildung mit Lehre und Matura nicht sehr herausfordernd? Wenn das Interesse da ist, passt das sehr gut. Und es ist in jedem Fall viel leichter zu bewältigen, als in höherem Alter die Abendmatura zu machen.

Welche Anzeichen - außer den Noten - gibt es dafür, dass ein Kind in der falschen Schule ist? Wenn das Kind nur noch lernt, lernt, lernt und trotzdem den Erfolg nicht hat und keine Freude mehr hat, dann muss man überlegen, ob eine andere Schule die Talente besser abdeckt.

Welche Rolle darf Nachhilfe spielen? Nachhilfe ist gut, wenn das Kind sie will, wenn das Kind sagt, ich verstehe das in Mathematik nicht, helft mir. Dann ist es kein Problem, wenn das Kind fünf Mal die Woche in die Nachhilfe geht. Genauso ist es, wenn ein Kind mit Legasthenie zu kämpfen hat. Wenn das Kind selbst sagt, ich möchte das lernen, ich möchte üben, dann kann man es auch in mehreren Fächern durch Nachhilfe stützen. Aber wichtig ist, dass das vom Kind kommt.

Viele Eltern leiden darunter, dass sie meinen, ihr Kind könnte lernen, wenn es nur wollte … Da kann man nur reden, reden, reden und einmal nachschauen, ob das Potenzial, von dem man meint, dass es vorhanden ist, auch tatsächlich da ist. Oder ob die Interessen und Fähigkeiten des Kindes vielleicht in eine ganz andere Richtung gehen. Oft fehlen da der Weitblick und vielleicht auch die Einsicht, dass die Talente des Kindes anders liegen, als die Eltern es gern hätten.

Wenn das Kind nicht will, kann man wenig machen, außer die Konsequenzen aufzuzeigen, die diese oder jene Entscheidung hat. Da heißt es wiederum reden, reden, reden. Auch ein junger Mensch ist fähig, sich die Konsequenzen auszudenken, wenn er diesen oder jenen Weg geht.

Wie weit ist das Bildungssystem hilfreich, dass Fehlentscheidungen auch wieder revidiert werden können? Gerade in Österreich gibt es immer wieder die Möglichkeit, in einem zweiten Bildungsweg quer einzusteigen, die Matura nachzumachen, eine Studienberechtigungsprüfung zu machen … Es stehen alle Wege offen. Wenn ein Kind mit 14 sagt, ich will nicht mehr, kann es trotzdem später noch sehr viel nachholen. Unser Bildungssystem ist sehr durchlässig. Viele Studierende an Universitäten sind über eine Studienberechtigungsprüfung dorthin gekommen. Es gibt viele junge Leute, die das Gymnasium verlassen haben und nach einer Zwischenphase wieder dorthin zurück wechseln. Das ist gar nicht selten.

Was sind Signale dafür, dass Schule krank macht? Wenn das Kind in der Früh nicht aufsteht, Bauchweh hat, Übelkeit hat, muss man fragen, was dahintersteckt. Das muss man körperlich abklären lassen. Dann muss man schauen, was in der Schule vielleicht nicht passt: Ist es zu stressig für das Kind, gibt es Mobbing, wo liegen die Probleme?
Es kann sein, dass die Schule ein Kind krank macht, weil die Schule nicht zum Kind passt oder weil das Kind gemobbt wird. Es liegt dann nicht am System an sich, sondern am vielleicht nicht idealen Zusammenspiel zwischen Kind und Klasse, Kind und Lehrer oder Kind und Schultyp.
Wenn alle Möglichkeiten, das Gespräch zu suchen, ausgeschöpft sind,kann man nach eineinhalb bis zwei Jahren einen Schulwechsel andenken.

Sie sehen die österreichische Schule sehr positiv. Ja! Ich erlebe immer wieder, dass in Österreich die Leistung nur ein Teil des Ganzen ist. Es wird vielmehr auf die Klassengemeinschaft, auf die Mitarbeit, auf gemeinsame Erlebnisse bei Klassenfahrten u. Ä. geachtet. In Österreich wird das System mit durchgängigen Klassen mit durchgängigen Lehrern gelebt, was ich als großen Vorteil sehe.

Gemeinschaftsbildung ist eine Qualität der österreichischen Schule. Man erwirbt nicht nur Wissen, sondern viele sogenannte Soft Skills, die ein Elternhaus gar nicht bieten kann. In der Klassengemeinschaft lernt man nicht nur Umgangsformen, wie z. B. Freundlichkeit, sondern auch Probleme zu lösen, man lernt Empathie, soziale Perspektivenübernahme und vieles mehr.

Wenn es schlecht läuft, lernt man, wie man andere über das Handy mobbt. Das auch, aber dann lernt man vielleicht auch, was man dagegen machen kann, wenn man die Eltern hinter sich hat und einen guten Beratungslehrer. Eine gute Schule hilft, mit solchen Verhaltensweisen zurechtzukommen.

Es ist ein großer Wert der Schule, dass man lernt, mit einem bunten Strauß von Persönlichkeiten umzugehen. Nicht jede Lehrerin und jeder Lehrer ist gleich, nicht alle Mitschülerinnen und Mitschüler sind gleich. Die Schule ist ein bunter Haufen und deshalb ein ausgezeichnetes Lernfeld für das Leben - besonders wenn das Kind in eine Schule geht, in der verschiedene Persönlichkeiten, auch verhaltensoriginelle Kinder und Jugendliche, zusammen sind. Das hilft im späteren Leben und ist eine wertvolle Erfahrung.

Weil man es später im Beruf auch manchmal mit verhaltensoriginellen Persönlichkeiten zu tun hat? Ja, wer die Verschiedenheit und Buntheit der Menschen in der Schule kennengelernt hat, hat wirklich fürs Leben gelernt.

Aufgerufen am 18.11.2019 um 02:34 auf https://karriere.sn.at/karriere-ratgeber/fort-weiterbildung/schulwahl-hilfe-von-den-eltern-fehlentscheidungen-und-umstieg-78176152

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