Fort & Weiterbildung

Neues Bildungsbewusstsein nötig: Schulreform ist unverzichtbar

"Wie ein Autofahrer, der mit 130 Stundenkilometern vorwärtsrast, jedoch mit Blick in den Rückspiegel." So erscheinen für Zukunftsforscher Reinhold Popp manchmal heimische Bildungsinstitutionen.

Mit Vollgas nach vorn – und Blick zurück. Kann so zukunftsfähige Bildung gelingen? SN/Prod. Numérik - stock.adobe.com
Mit Vollgas nach vorn – und Blick zurück. Kann so zukunftsfähige Bildung gelingen?

Lern was G'scheites" durfte sich sicher so mancher Leser in seiner Jugend anhören. Eine abgeschlossene Ausbildung sei der Schlüssel zum Erfolg - je nachdem, wie man diesen Erfolg definiert.

Der Salzburger Zukunftsforscher Reinhold Popp setzt sich in seinem Wirkungsbereich auch mit dem Thema Bildung auseinander. Er meint, dass Kindergärten ein wichtiger Ort des Lernens sind, und spricht sich für eine dringend notwendige Reform des Schulsystems aus.

Bildung als solche geht ja über die übliche Ausbildung hinaus. Welche Faktoren bedingen dieses weite Feld? Reinhold Popp: Das Bildungsniveau der Herkunftsfamilien beeinflusst bekanntlich die Bildungskarrieren und den späteren beruflichen Werdegang der Schüler in beachtlichem Ausmaß. Wer etwa in einer Akademikerfamilie aufwächst, hat sowohl in Deutschland als auch in Österreich deutlich größere Chancen, eine höhere Schule und anschließend eine Hochschule zu besuchen, als der Nachwuchs von Eltern mit niedrigem formalen Bildungsabschluss. Die Unterschiede setzen sich meist im Berufsleben fort. Beim Thema Chancengerechtigkeit spielt auch die interkulturelle Dimension der Bildungsarbeit eine wichtige Rolle.

Inwiefern beeinflusst die interkulturelle Dimension der Bildungsarbeit die Chancengleichheit? Mangelnde Chancengerechtigkeit ist nicht nur ein humanitäres oder moralisches Problem und nicht nur ein Problem der individuellen Lebensqualität der Betroffenen, sondern auch ein volkswirtschaftliches.

Verbesserungen sind also auch im Hinblick auf die Herausforderungen der zukünftigen Wirtschafts- und Arbeitswelt dringend vonnöten. Denn die Ausschöpfung aller Bildungspotenziale und somit die bessere Qualifizierung bisher bildungsbenachteiligter Bevölkerungsgruppen ist, nicht nur in Bezug auf den demografischen Wandel, eine der wichtigsten Voraussetzungen für den nachhaltigen Erfolg der Wirtschaftsstandorte Deutschland und Österreich. Derzeit wird in beiden Ländern ein beachtlicher Anteil der vorhandenen Talente nicht ausreichend gefördert.

Sie sagen, Kindergärten würden als Lernort oft unterschätzt. Warum? Allzu oft werden Kindergärten als Einrichtungen zur Aufbewahrung von Kleinkindern missverstanden. In Wahrheit ist der Kindergarten die wohl am meisten unterschätzte Bildungseinrichtung, deren pädagogische Qualität die späteren Chancen in der Arbeitswelt signifikant verbessern. Denn gute Bildungs- und Erziehungsarbeit in Kindergärten kann lebenslang wirksame Beiträge für mehr Chancengerechtigkeit leisten.

Für die pädagogische Unterstützung von Kindern aus Familien mit einem geringeren Bildungspotenzial und für die frühe Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund sind Kindergärten besonders essenziell.

Auch die für die zukünftige Arbeitswelt wesentliche, jedoch in Deutschland und Österreich stark vernachlässigte Förderung der technischen Begabungen von Mädchen müsste in der vorschulischen Entwicklungsphase beginnen. Die Genderfrage spielt zudem bei der Ausbildung für die Kindergartenpädagogik und in der Praxis der Kindergärten eine wesentliche Rolle. Denn männliche Pädagogen haben dort einen geradezu exotischen Seltenheitswert.

Was macht Ihrer Meinung nach zukunftsfähige Bildung aus? Seit vielen Jahren werden in Deutschland und Österreich tiefgreifende Bildungsreformen gefordert und die notwendigen Maßnahmen sind hinreichend bekannt. Was fehlt, ist die Umsetzung. Aber nicht nur der Politik, sondern auch Lehrern sollte der weit verbreitete Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Bildungssystems zu denken geben.

Bild: SN/christian schneider
Der weite Zweifel am Bildungssystem sollte zu denken geben.
Reinhold Popp, Zukunftsforscher

Zukunftsrelevante Bildung müsste sich verstärkt auf die Fähigkeit zum vorausschauenden Ausloten möglicher Chancen und Gefahren beziehen. Vorausschauende Bildungspolitik und Bildungsforschung sollten sich viel stärker um die Bildungswelt von morgen und übermorgen kümmern.

Dies ist jedoch kein Plädoyer gegen die Auseinandersetzung mit unserer Tradition. Denn die Zukunft ist tief in unserer Geschichte verwurzelt. Es müsste jedoch klarer herausgearbeitet werden, dass es bei der Beschäftigung mit Gestern und Vorgestern vor allem um eine Orientierung für Morgen und Übermorgen geht.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass sich allzu viele Menschen, aber auch allzu viele Institutionen und Unternehmen in Deutschland und Österreich so verhalten wie ein Autofahrer, der mit 130 Stundenkilometern vorwärtsrast, jedoch mit Blick in den Rückspiegel.

Greift hier das Stichwort "Schulversagen"? In der Alltagssprache wird der Begriff "Schulversagen" meist auf das individuelle Lebensdrama jener Schüler bezogen, die an der Schule verzweifeln. Nur selten wird dieser Begriff wörtlich genommen. Denn in allzu vielen Bereichen versagt die Schule.

Das ist keineswegs einer der zahlreichen Versuche der undifferenzierten Radikalkritik an Deutschlands oder Österreichs Lehrern. Denn gerade die zukunftsfähigen Schulpädagogen sind sich dessen bewusst, dass eine tiefgreifende Reform des deutschen und österreichischen Schulsystems unverzichtbar ist.

Was genau braucht es, um die österreichische Bildungslandschaft zukunftsfähig zu machen? Schon längst geht es nicht mehr nur um einzelne kleine Maßnahmen und Korrekturen in den bestehenden Bildungsinstitutionen. Vielmehr geht es um die Entwicklung eines neuen Bildungsbewusstseins, also um die weite Verbreitung des Verständnisses der zukunftsrelevanten Bedeutung einer alle Lebensbereiche durchdringenden, lebensbegleitenden Bildung. Einer Bildung, die überwiegend Freude bereitet und bei der die Kür gleich wichtig ist wie die Pflicht.

Derzeit gibt es jedoch noch eine beachtliche Anzahl von Bürgern, in deren Köpfen sehr traditionelle Vorstellungen von den Strukturen und Funktionen der schulischen Bildung verankert sind. Vorstellungen, die man vielleicht, etwas überspitzt formuliert, mit dem Begriff "Unterrichtsvollzugsanstalt" kennzeichnen könnte.

Das neue und zukunftsfähige Bildungsbewusstsein wird sich gegen die von den reformresistenten Kräften inszenierten Innovationswiderstände nur dann durchsetzen, wenn alle innovationsfreudigen Personen und Institutionen zusammenwirken.

Zur Person:Univ.-Prof. Dr. Reinhold Popp leitet das "Institute for Futures Research in Human Sciences" an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und ist Gastwissenschafter am Institut Futur der Freien Universität Berlin.

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