Arbeitswelt

Wie behinderte Jugendliche eine Ausbildung schaffen

253 Lehrlinge in Österreich sind zu mehr als 50 Prozent behindert. Vor allem psychische Probleme nehmen bei den Jugendlichen zu. Wie kann man helfen?

Für behinderte Lehrlinge bekommen Unternehmen bestimmte Förderungen vom Sozialministerium.  SN/pixabay
Für behinderte Lehrlinge bekommen Unternehmen bestimmte Förderungen vom Sozialministerium.

Angelika Wienerroither

Wie viele Lehrlinge in Salzburg eine Behinderung haben, kann Martina Plaschke von der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer Salzburg nicht sagen. Sie prüft zwar die Verträge, berät Betriebe. "Aber wir führen keine Aufzeichnungen über Beeinträchtigungen - weil sie in vielen Fällen gar keinen Einfluss haben." Es mache etwa keinen Unterschied, ob eine Bürokauffrau im Rollstuhl sitze oder nicht.

Das Sozialministerium hat vergangenes Jahr 253 Mal eine Prämie für begünstigte Lehrlinge in Österreich ausgezahlt. Begünstigt ist jemand, der mindestens 50 Prozent behindert ist. 257 Euro Prämie pro Monat zahlt das Ministerium den Unternehmen. Deutlich mehr Jugendliche dürften eine Beeinträchtigung haben. Wie viele, kann das Ministerium nicht feststellen. Wie können die jungen Menschen Arbeit finden, welches Netz unterstützt sie? Und was können und müssen Unternehmen tun?

Die Betriebe stellten meist eine Frage, sagt Plaschke von der Wirtschaftskammer: Ist das machbar? "Es sind Einzelschicksale, wir überprüfen, ob der Wunsch des Jugendlichen und des Betriebs möglich ist." Wenn etwa ein Lehrling zuckerkrank sei, könne er nicht auf ein Gerüst steigen. Die Gefahr einer Ohnmacht sei zu groß. Und eine Hotel- und Gastgewerbeassistentin im Rollstuhl brauche eine Rampe, um in den Betrieb zu kommen.

Barrierefrei bauen ist Pflicht

Seit 1999 müssen Unternehmen barrierefrei bauen, heißt es aus dem Sozialministerium. Bei älteren Gebäuden müssen die Betriebe den Arbeitsplatz adaptieren, wenn sie bewegungsbehinderte Menschen anstellen. Umbauten und technische Arbeitshilfen werden vom Ministerium gefördert, wie auch Schulungs- und Gebärdendolmetschkosten.

Netzwerk Berufliche Assistenz

400 Jugendliche pro Jahr betreut Silvia Jarosch Wiesinger. Sie ist Leiterin der Berufsausbildungsassistenz, die zum Netzwerk Berufliche Assistenz gehört (NEBA). Das Netzwerk ist ein Angebot des Sozialministeriumservice und gewissermaßen das Auffangnetz für Jugendliche. "Wir sind da, um zu helfen, wenn sie die Ausbildung selbst nicht schaffen." Beim Jugendcoaching gehen sie flächendeckend in die Schulen, um über das Angebot aufzuklären: Die Arbeitsassistenz helfe etwa bei der Jobsuche. Jobcoaches kämen direkt in die Betriebe, erklären den Lehrlingen Abläufe und Tätigkeiten.

Die Aufgaben einer Arbeitsassistenz

Jarosch Wiesinger und ihre Mitarbeiter unterstützen Jugendliche, sobald sie eine Lehrstelle gefunden haben. "Wir sind gewissermaßen die Drehscheibe zwischen Lehrling, Betrieb und Eltern." Wenn die Auszubildenden Lernschwächen haben, organisiert das Team Einzelnachhilfe. Sie informieren zudem über die Möglichkeit einer Teilqualifikation oder einer verlängerten Lehrzeit: Bei einer Teilqualifikation lernen die Jugendlichen nur Teilbereiche, mindestens aber die Inhalte des ersten Lehrjahrs. Bei der verlängerten Lehrzeit hat der Jugendliche ein bis zwei Jahre länger Zeit, um abzuschließen.

Enge Zusammenarbeit mit den Unternehmen

Jeder Betrieb sei anders, sagt Jarosch Wiesinger. Manche sagten: "Schaut bitte nicht so oft vorbei - ihr stört den Ablauf." Mit anderen setzen sich die Ausbildungsassistenten jeden Freitag zusammen, um zu besprechen, was der Jugendliche gezielt benötigt. "Braucht sie etwa andere Griffe bei den Werkzeugen - oder er ein Sehhilfeprogramm am Computer?" Die Assistenten würden auch viel Aufklärungsarbeit leisten. Es sei oft die Idee der Chefin oder des Chefs, einen beeinträchtigten Lehrling einzustellen. Die Kollegenschaft ziehe da manchmal nicht mit. Jarosch Wiesinger erklärt dann, was die Kollegen erwartet. Wie sollen sie etwa bei einem Notfall, wie einem Epilepsieanfall, reagieren?
Körperliche Behinderungen seien eher akzeptiert, sagt Jarosch Wiesinger. "Weil sie sichtbar sind." Zehn Prozent der Jugendlichen, die sie betreut, sind körperlich behindert. Bei psychischen Beeinträchtigungen seien die Kollegen oft unsicher, wie sie damit umgehen sollen. Dabei nehmen die psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren zu: "Wir haben vermehrt Anfragen zu diesem Thema."

Psychische Probleme nehmen bei den Lehrlingen zu

Depressionen aufgrund von Problemen in der Familie oder einem Suizid im Umfeld nehmen die Jugendlichen ganz schön mit, sagt Jarosch Wiesinger. "Und das in einer Lebensphase, in der sie ohnehin schon anfällig für Krisen sind." Die jungen Menschen seien meist aber nicht auf Dauer beeinträchtigt. "Eine geregelte Arbeit wäre eine ideale Stütze, um den Weg in die Normalität zurückzufinden", sagt die Expertin. Viele psychisch Erkrankte würden es aber nicht schaffen, voll zu arbeiten - Jarosch Wiesinger hofft deshalb auf die Möglichkeit einer Teilzeitausbildung. Derzeit sei das nur mit einer ausgewiesenen Behinderung, also einem Behindertenpass, möglich. "Davor scheuen aber viele zurück." Sie wollen nicht dauerhaft in dieser Kategorie eingeordnet sein.

Vorteile für den Betrieb

Was gibt es für Vorteile für Betriebe, die behinderte Lehrlinge einstellen? Zum einen finanzielle, heißt es aus dem Sozialministerium. Die Unternehmen erhalten nicht nur eine Prämie, sie müssen auch keine Ausgleichstaxe zahlen: Pro 25 Beschäftigte sind die Betriebe verpflichtet, einen begünstigten Menschen mit Behinderung einzustellen. Passiert das nicht, müssen die Unternehmen die Taxe entrichten. Bei 100 bis 399 Beschäftigten beträgt diese 361 Euro im Monat für jede Person, die zu beschäftigen wäre.
Jarosch Wiesinger betont zudem, dass die behinderten Jugendlichen eine Bereicherung seien: In einer Firma, die etwa Metall verarbeite, könne der Lehrling in einer Teilqualifikation statt auf alle Maschinen auf zwei punktgenau angelernt werden. "Dadurch sind sie sehr gute Zuarbeiter für die Gesellen."
Es ergebe Sinn, Menschen darin zu fördern, dass sie arbeiten können. "Es ist zum wirtschaftlichen Nutzen aller", sagt die Expertin. Es entstünden keine Kosten für die Unterbringung oder einen Platz in einer geschützten Werkstätte. "Ich würde alle beeinträchtigten Menschen ermutigen, es zu versuchen. Die vielen einzelnen Beispiele bestätigen, dass es durchaus klappen kan

Quelle: SN

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