Arbeitswelt

Wachgerüttelt durch die Krise: 3 Menschen und ihr Beruf im Fokus

Wir haben Personen - Angestellte, Führungskräfte und Selbstständige - aus unterschiedlichen Branchen zu einem ehrlichen Gespräch über Entscheidungen, Zukunftsängste und Werte gebeten. Im Gespräch erzählen sie uns, welche Erkenntnisse sie aus der Krise ziehen und warum sich ihre Arbeitsweise, ihre Motivation sowie ihre Pläne grundlegend verändert haben.

Wachgerüttelt durch die Krise: Ein Gespräch über die Kunst der Führung, Kommunikation und über die eigenen Stärken. SN/pixabay
Wachgerüttelt durch die Krise: Ein Gespräch über die Kunst der Führung, Kommunikation und über die eigenen Stärken.

In den letzten Wochen und Monaten hatte jeder von uns ein Päckchen zu tragen. Während für die Einen der Abstand von Familie und Freunden zur Herausforderung wurde, waren es für die Anderen finanzielle Sorgen und Zukunftsängste. Wieder andere haben in der Krise ihre Karrierelaufbahn, Ausbildung sowie ihre Kompetenzen in Frage gestellt und wundern sich nun über ihre bisherige Naivität und ihren Leichtsinn.
Wir haben uns auf die Suche nach Menschen aus unterschiedlichen (Arbeits-)Welten gemacht und sie gebeten, einen ehrlichen Blick auf ihren Job, ihre Branche und auf sich selbst - als Führungskraft, Arbeitnehmer oder Einzelunternehmer - zu werfen. Das sind ihre Geschichten!

"Man wünscht sich von der Führungsebene beruhigenden Worte - wartet aber vergeblich"

Sandra ist Anfang 30 und seit über zehn Jahren in der Reise- und Tourismusbranche tätig. Auf dem Globus finden sich nur wenige Länder, in welche die gebürtige Salzburgerin noch keinen Fuß gesetzt hat. Nähere Informationen zum Arbeitsplatz und Arbeitgeber möchte sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht öffentlich bekannt geben, doch so viel sei gesagt: "[…] ich habe vor ein paar Jahren viel Geld in die Hand genommen, um mir selbst eine weiterführende Ausbildung in dieser Branche zu finanzieren. Ich sah es als Investition in die Zukunft, denn man weiß ja nie, was noch kommt. Und einen Wimpernschlag später sind wir in dieser Situation und die Reisebranche ist auf unbestimmte Zeit schwer getroffen."

Entweder man wurde in den letzten Monaten selbst damit konfrontiert, oder man hat es von Bekannten, Freunden oder aus den Medien gehört: Die Schwierigkeiten der Heimarbeit, Arbeitslosenzahlen die durch die Decke schießen, Kleinunternehmen die sich im Stich gelassen fühlen und ihre Türen für immer schließen müssen. So wie viele Österreicher und Österreicherinnen, haben die permanente Nachrichtenflut sowie die eigenen Erlebnisse auch Sandra stark zum Nachdenken gebracht. "Ich bin froh, dass ich mich in meiner Branche weitergebildet habe, doch womit ich jetzt primär konfrontiert werde, ist vor allem die Flexibilität. Man würde sagen, dass ich mich momentan in einer sehr unsicheren Branche befinde, doch welche Optionen habe ich? Man muss heute einfach extrem flexibel sein und sich ständig weiterbilden und den neuen Gegebenheiten anpassen. Ich denke lebenslanges Lernen gehört heute einfach dazu, damit man gerüstet ist und auch in Extremsituationen mehr Chancen hat. Vor der Krise hatte ich immer das Gefühl hinterher zu laufen und plötzlich steht alles auf Pause. Auf einmal hat man Zeit nachzudenken oder wird quasi dazu gezwungen den bisherigen Lebensweg genauer zu durchleuchten. Ich persönlich denke nun, dass es im Arbeitsleben zielführend ist, sich mehrere Standbeine aufzubauen, viele Erfahrungen zu sammeln, sich selbst gut kennenzulernen und Mut zur Veränderung zu haben."

Wie vielen Österreicher und Österreicherinnen fand sich auch Sandra schnell im Homeoffice wieder. Der persönliche Kundenkontakt wurde vorrangig durch Telefongespräche und E-Mails ersetzt. Statt Kunden voller Vorfreude, die der Traumreise entgegenfiebern, stand nun die Kommunikation mit aufgebrachten und verärgerten Kunden im Vordergrund: "Die eigene Motivation aufrecht zu erhalten ist oft schwierig, da wir in unserer Branche momentan nur mit verärgerten Kunden zu tun haben. Wir hatten schon vor der Krise eine Schulung über passende Kommunikationsstrategien, doch diese Zeit war wohl der beste Lehrmeister. Mein Team und ich, wir mussten Entscheidungen treffen, von denen wir nicht wussten, ob sie richtig sind. Doch von der Führungsebene kamen leider keine klaren Ansagen, da sie sich nicht im Brennpunkt befinden und die Situation nur schwer einschätzen konnten. Es prasseln viele neue Herausforderungen auf einen ein und was man in dieser belastenden Zeit braucht, ist Unterstützung und beruhigende Worte von der Führungsebene. Doch darauf habe ich vergebens gewartet."


Wir haben Sandra zum Schluss noch gebeten, folgende Sätze zu beenden:
Während der Krise wurde ich zum ersten Mal damit konfrontiert,…

was es heißt, richtige Existenzängste zu haben. Ja, ich kann meinen Job zurzeit noch ausüben und dafür bin ich dankbar. Doch ich könnte im Notfall beinahe nichts anderes machen. Weder in der Gastronomie aushelfen oder irgendwo auf Saison arbeiten. Viele Menschen mit mehr Berufserfahrung und unterschiedlichen Kompetenzen sind auf der Suche nach Arbeit und krisengebeutelte Branchen können niemanden zusätzlich einstellen. Ich war bisher immer der Meinung, jeder der möchte, kann in Österreich Arbeit finden. Das hat sich schlagartig geändert und was nun zählt ist Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und der Wille sowie Mut zur Veränderung.

Wenn ich jetzt ad hoc eine berufliche Entscheidung treffen müsste,…
dann wäre dies trotz der Liebe zu meinem Job und der Branche, in welcher ich momentan tätig bin, mich nochmal neu zu orientieren.

Was ich jungen Menschen raten möchte ist,…
Sich mehr zu trauen, denn es lohnt sich! Den Mut zu haben die Komfortzone zu verlassen, sich besser kennenzulernen, neue Wege zu beschreiten und vor allem durch Weiterbildungen jeglicher Art neue Perspektiven und Kompetenzen zu erlangen. Sich immer weiter zu entwickeln und auf eine Vielfalt an Erfahrungen und Wissen zu setzen - denn dann ist man auch für Ausnahmesituationen besser gewappnet.

"Im virtuellen Raum bekommt Kommunikationsgenauigkeit eine neue Bedeutung"

Seit 11 Jahren ist Sebastian in der digitalen Welt unterwegs, viele Jahre davon in leitender Funktion. Die Arbeit des gesamten Teams findet in erster Linie online statt, daher bezeichnet er die Umstellung auf Heimarbeit nicht als größte Herausforderung der letzten Monate. Aus seinem neuen" Arbeitsalltag erzählt der Salzburger: "Da wir uns beruflich hauptsächlich im digitalen Raum bewegen, waren die technischen Voraussetzungen für die Heimarbeit schnell gelöst. Die wirklichen Hürden wurden erst später ersichtlich. Es war ein Trugschluss von mir zu glauben, dass der gelernte Führungsstil sowie die Kommunikations- und Arbeitsprozesse eins zu eins in das Homeoffice übertragbar sind. Als die ersten kleinen Anzeichen von Unzufriedenheit bei meinen Mitarbeitern deutlich wurden, musste ich die Kommunikation den Gegebenheiten anpassen."

Der deutsche Autor und Betriebswirt Anselm Grün beschrieb die Führungskraft als Kunst den Schlüssel zu finden, der die Schatztruhe des Mitarbeiters aufschließt. Führungskräfte wurden in den letzten Monaten auf die Probe gestellt, denn vor allem die physische Distanz erwies sich als ungeahnter Stolperstein auf dem Weg zur Schatztruhe. "Kommunikationsschwächen haben sich relativ schnell gezeigt. Durch das Feedback meines Teams wurde ich darauf aufmerksam, dass ich die persönlichen Gespräche intensivieren und mich auf ein Level der Kommunikation bringen muss, auf welchem ich vorab noch nicht war. Empathie ist zur Hauptkernkompetenz einer Führungskraft geworden. Punkte wie die Belastbarkeit des Einzelnen, die Motivation und auch Eigenverantwortung haben plötzlich einen ganz neuen Stellenwert eingenommen."

Kommunikation musste auch von Führungskäften neu überdacht werden. Die Distanz stellte die Kommunikationsgenauigkeit in den Fokus. SN/unsplash
Kommunikation musste auch von Führungskäften neu überdacht werden. Die Distanz stellte die Kommunikationsgenauigkeit in den Fokus.

Bei einer Vielzahl an ArbeitnehmerInnen hörten die Veränderungen nicht mit dem Job auf. Familien sahen sich mit einem neuen Alltag konfrontiert. Isolation sowie Kurzarbeit führten schnell zu einem Gefühl der Ersetzbarkeit und der Frage nach der Sinnhaftigkeit und Wertigkeit der eigenen Arbeit: "Welche Auswirkungen die physische Distanz vom Arbeitsplatz, von den KollegInnen und die individuellen persönlichen Herausforderungen auf die Mitarbeitermotivation haben, hatte ich zu Beginn deutlich unterschätzt. Faktoren wie intensive Gespräche, individuelle Lösungen, die Förderung von Eigenständigkeit und Offenheit sowie Ehrlichkeit, haben einstigen Motivatoren wie Gehalt und Lob deutlich den Rang abgenommen. Genauso war es wichtig trotz des Rückgangs an Aufträgen, mit dem Team Ziele zu setzen und aufzuzeigen, wie wichtig jedes einzelne Mitglied ist, damit sich alles irgendwie weiterdreht."

Wir haben Sebastian zum Schluss noch gebeten, folgende Sätze zu beenden:
Während der Krise wurde ich zum ersten Mal damit konfrontiert,…

dass ich die Art der Kommunikation neu überdenken musste. Eigene Kommunikationsschwächen waren zu analysieren und optimieren. Eine große Herausforderung stelle die Genauigkeit der Kommunikation dar, denn was bei physischer Anwesenheit mit non-verbalen-Mitteln getragen wird, geht im virtuellen Raum einfach verloren.

Wenn ich jetzt ad hoc eine berufliche Entscheidung treffen müsste,…
dann würde ich noch stärker auf Digitalisierung setzen. Ich möchte in Zukunft meinem Team verstärkt die Möglichkeit geben, sich in relevanten Bereichen noch intensiver weiterzubilden. Das betrifft Fachkompetenzen sowie soft-skills.

Besondere Stärken, die ich an mir und meinem Team neu kennengelernt habe:
Zusammenhalt und Solidarität wurden schon immer im Team gelebt, doch in den letzten Monaten wurden diese Stärken noch intensiver sichtbar.

Was ich jungen Menschen raten möchte ist,…
sich vor der Berufswahl bzw. der Bewerbung bei einem Unternehmen Gedanken darüber zu machen, wie solide die Branche bzw. der Arbeitgeber ist. Gibt es ein zukunftsfähiges und nachhaltiges Geschäftsmodell?

"Als Einzelunternehmerin darf ich nicht in der Schockstarre verharren"

Die gebürtige Steirerin Julia hat sich vor einem Jahr den Traum vom Unternehmertum erfüllt und sich als diplomierte Mentaltrainerin selbstständig gemacht. "In den letzten Monaten war bei Selbstständigen besonders Flexibilität und Umdenken gefragt. Alle meine Aufträge brachen durch die Krise weg. Es war unfassbar wichtig den alten Plan loszulassen und neue Pläne zu schmieden", erzählt sie uns im Gespräch.

Den Fokus legt die Mentaltrainerin bei ihrer Arbeit vorrangig auf die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Kunden und Kundinnen. Sie kennt die Unsicherheiten und Zweifel, die Unternehmer zu Beginn der Selbstständigkeit sowie in Krisenzeiten begleiten. Die aktuelle Lage war auch für die junge Einzelunternehmerin eine wirtschaftliche und menschliche Herausforderung: "Ich habe durch die Krise unfassbar viel gelernt. Eine der wichtigsten Lehren für mich ist, dass ich diese Zeit als Chance sehen kann. Als Einzelunternehmerin darf ich nicht in Panik verfallen oder in einer Art Schockstarre verharren. Ich habe die Zeit genutzt, um meine Unternehmensstrategie anzupassen und mich mehr mit dem Thema Digitalisierung und Online-Angebote zu beschäftigen. Ich habe mir einen Onlinekurs zu diesem Thema gekauft und bin dabei, neue Angebote zu schaffen. Diese ermöglichen mir, auch in herausfordernden Zeiten weiterzumachen."

Laut einer Umfrage des Internet-Dienstleisters Jimdo, gaben im März 2020, also zu Beginn der Corona-Krise, rund 77% der befragten Kleinunternehmer und Selbstständigen an, eine Existenzgefahr für ihr Unternehmen zu sehen. Wie bei vielen Jungunternehmern, fiel auch bei Julia die Krise in die wichtige Aufbau- und Orientierungsphase ihrer Selbständigkeit. Trotz der eigenen Hürde hat sie versucht, in online Foren und Gruppen ihre Erfahrungen mit Gleichgesinnten zu teilen: "Ich war viel in Netzwerken unterwegs um mich mit anderen auszutauschen und habe online Meetings und Experteninterviews organisiert, um andere zu motivieren und zu inspirieren. Ich selbst habe auch viele mentale Tools bei mir angewandt, um mich bewusst jeden Tag aufzubauen und zu stärken. Es sind die Gedanken entscheidend, um in Zuversicht und Vertrauen zu bleiben und die nächsten Schritte zu setzen. Ich habe den Fokus auf neue Möglichkeiten gelegt und wie ich gestärkt aus dieser Zeit hervortreten kann."

Wir haben Julia zum Schluss noch gebeten, folgende Sätze zu beenden:
Während der Krise wurde ich zum ersten Mal damit konfrontiert,…

an mich selbst und mein Unternehmen zu glauben, obwohl alle Aufträge verloren waren.

Wenn ich jetzt ad hoc eine berufliche Entscheidung treffen müsste,…
dann wäre dies, noch weiter für meine Träume und Visionen zu gehen, jetzt fokussierter als jemals zuvor.

Besondere Stärken, die ich an mir neu kennengelernt habe,...
meine Fähigkeit zuversichtlich zu bleiben, mir ein Rising Mindset aufzubauen und andere zu unterstützen, das gleiche zu tun.

Was ich jungen Menschen raten möchte ist,…
sich nicht von den gesellschaftlichen Erwartungen in eine Richtung drängen zu lassen, sondern sich die Zeit zu nehmen herauszufinden, welche Tätigkeit dich wirklich erfüllt. Unabhängig von Jobtitel, Ansehen und "Karriereaussichten".


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Aufgerufen am 11.07.2020 um 11:00 auf https://karriere.sn.at/karriere-ratgeber/arbeitswelt/wachgeruettelt-durch-die-krise-3-menschen-und-ihr-beruf-im-fokus-88160875

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