Arbeitswelt

Schöne neue Arbeitswelt für alle?

Bei New Work geht es um Selbstbestimmung, Potenzialentfaltung und Freiraum. Wer glaubt, dass dies nur für Büroangestellte möglich ist, irrt.

Im Badmöbelwerk Villeroy & Boch in Mondsee sind unterschiedlich lange Arbeitswochen möglich. Im Bild die Mitarbeiterinnen Anna-Maria Schwaiger und Gertraud Schwaighofer (v.l.). SN/villeroy & boch/erika mayer
Im Badmöbelwerk Villeroy & Boch in Mondsee sind unterschiedlich lange Arbeitswochen möglich. Im Bild die Mitarbeiterinnen Anna-Maria Schwaiger und Gertraud Schwaighofer (v.l.).

Obstkorb, Kickertisch, hybrides Arbeiten - wäre er noch am Leben, dann würde Frithjof Bergmann diese oberflächlichen Bemühungen wahrscheinlich müde belächeln.

Raus aus dem Hamsterrad, rein in die Selbstbestimmung

Als "Lohnarbeit im Minirock" bezeichnete er Versuche wie diese, um so weniger attraktive Arbeitsplätze aufzuwerten. Der Austroamerikaner, Philosoph und Vordenker gilt als Vater des New-Work-Gedankens. Vor knapp einem Jahr ist er 90-jährig verstorben. New Work war für Bergmann radikaler. Bei der Arbeit solle es wieder um weit mehr gehen als nur ums Geldverdienen. Er wollte, dass Menschen wieder ihren Mehrwert erkennen und Wirksamkeit am Arbeitsplatz erfahren, indem sie "tun, was sie wirklich, wirklich wollen".

Raus aus dem Hamsterrad, rein in die Selbstbestimmung - was in vielen Start-ups bereits gelebt wird, haben sich auch etablierte Betriebe spätestens seit Beginn der Pandemie auf die Fahnen geheftet. Doch immer noch sind es die Wissensarbeiter, die Kreativen, die Software-Entwickler, die von der Idee des New Work profitieren. Was bleibt übrig für die vielen Beschäftigen in den Produktionsstraßen, in den Krankenhäusern und Hotels?

Bei New Work geht es um Wertschätzung und ein Miteinander auf Augenhöhe

"Sinn und Selbstbestimmung sind nicht nur denen vorbehalten, die im Büro arbeiten", setzt Marius Donhauser entgegen. Er ist selbst Hotelier und Gründer des Start-ups hotelkit und damit in beiden Welten zu Hause. "Wir sehen, dass Hotels, die unsere Kommunikationssoftware hotelkit nutzen, sich gänzlich anders organisieren. Das geht sogar so weit, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter viel aktiver neue Ideen einbringen und so die Entwicklung des Betriebs mitgestalten. Sie identifizieren sich damit automatisch mehr mit dem Unternehmen." Ermöglicht wird das zwar durch die Software, doch die wesentliche Grundzutat sei die Haltung, so Donhauser: "Bei New Work geht es um Wertschätzung und ein Miteinander auf Augenhöhe - und das geht auch im Hotel."

Das Kaffeehäferl als Sinnbild der Neuen Arbeit

Dieses Miteinander auf Augenhöhe werde spätestens beim Einräumen des Kaffeehäferls in den Geschirrspüler sichtbar, meint die Salzburger New-Work-Expertin Romy Sigl: "New Work ist für mich dann, wenn von der Reinigungsdame bis zum Chef jeder selbst die Verantwortung fürs eigene Kaffeehäferl übernimmt." Das Kaffeehäferl sei dabei Sinnbild für eine Einstellung, die in Sigls Coworking-Space ganz selbstverständlich gelebt werde. Vor zehn Jahren gründete sie diesen Ort, an dem sich Menschen Schreibtische mieten, weil sie die Prinzipien der Neuen Arbeit leben wollen. Darunter sind Selbstständige (65 Prozent), aber auch Angestellte (35 Prozent), die nicht im Büro ihres Arbeitgebers sitzen. Kurz vor seinem Tod traf Sigl Bergmann persönlich. In Sigls Coworking sah Bergmann seine Ideen umgesetzt.

Bild: SN/villeroy & boch/erika mayer
Unterm Strich soll bei uns im Werk das Ergebnis stimmen.
Herbert Stabauer, GF Villeroy & Boch

Im Villeroy-&-Boch-Werk in Mondsee fertigen rund 90 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Schichtbetrieb Badezimmermöbel. Es surren Maschinen, an vielen Stationen wird gearbeitet, anderswo lachen Kollegen und Kolleginnen miteinander: "Wir haben zwar fixe Pausen, aber jeder kann selbst zwischendrin schauen, ob er eine Rauch- oder Kaffeepause braucht", so Herbert Stabauer, Geschäftsführer von Villeroy & Boch in Mondsee. "Hier muss niemand so tun, als wäre er oder sie emsig beschäftigt, nur weil der Chef vorbeikommt. Unterm Strich soll das Ergebnis stimmen. Und bei uns kann man das Ergebnis sehen, angreifen und am Ende des Tages sogar im Badezimmer montieren."

Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiräume auch in produzierenden Betrieben

Vertrauen hat für Stabauer dabei einen ganz besonderen Stellenwert. Davon zeugt das neue Arbeitszeitmodell, das er gemeinsam mit seiner Belegschaft eingeführt hat. Statt einer fixen Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden können Beschäftigte flexibel entscheiden, ob sie einmal mehr oder weniger arbeiten wollen: "Natürlich sind wir als produzierender Betrieb limitiert, unsere Tischlerinnen und Tischler können ja schlecht von zu Hause arbeiten. Trotzdem sind mir Teilhabe und Selbstbestimmung wichtig. Mit diesem Modell sind unterschiedlich lange Wochen möglich und die Freizeit kann viel besser genutzt werden." Bei Stabauer haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen so viel öfter drei oder vier Tage am Stück frei, das werde hoch geschätzt. Maschinen stünden aber trotzdem nicht still, nur weil vielleicht alle das schöne Wetter oder den Zwickeltag nutzen wollen. Das Prinzip der Teilhabe funktioniere, die Maschinen seien immer gut ausgelastet, die Fluktuation sehr gering: "Wir haben hier einen ausgesprochen guten Teamgeist. Die Kollegen und Kolleginnen fühlen sich füreinander verantwortlich, keiner lässt den anderen hängen."

Eigenverantwortung, Gestaltungsfreiräume und Kaffeeplausch sind also keineswegs Privilegien, die nur Büroangestellten vorbehalten sind. Von einem Menschenbild, das auf Vertrauen basiert, war Frithjof Bergmann schon in den 80er-Jahren überzeugt. Er brachte seine Ideen, wie Arbeit besser funktionieren könnte, nicht etwa in die Bürotürme, sondern zuerst in die Werkshallen der amerikanischen Automobilindustrie. Dort drohte durch die voranschreitende Automatisierung eine Massenarbeitslosigkeit. Durch die Gründung seines Zentrums für Neue Arbeit schuf er einen Ort, an dem Fließbandarbeiter ihre beruflichen Wünsche und so neue Perspektiven wiederentdecken konnten. Heute, in Zeiten von Digitalisierung und Fachkräftemangel gerade in Branchen wie Hotellerie oder Industrie, sind Bergmanns Ideen aktueller denn je.

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