Arbeitswelt

Lehre statt Studium

Julia Neuwirth und Anna Schmid haben sich für eine Lehre entschieden. Mit dem Ausbildner Simon Prommegger reden sie über ihre Berufswahl und über das Image der Lehre.

SN: Frau Neuwirth, Frau Schmid, was haben Sie vom Berufsleben erwartet? Fühlten Sie sich von der Schule gut vorbereitet?
Anna Schmid: Ich habe am Gymnasium maturiert und kann nicht behaupten, dass wir gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet wurden. Ich habe mich selbst herangetastet und im Internet recherchiert. Für Wüstenrot habe ich mich entschieden, weil mir in Gesprächen vermittelt wurde, dass man auch als Lehrling Karriere machen kann. Mir wurden rasch größere Aufgaben und Verantwortung übertragen.

Julia Neuwirth: Auch bei mir gab es in der Schule - ich habe auch maturiert - keine große Vorbereitung auf das Arbeitsleben. Von Spar wusste ich, dass Lehrlinge dort gut aufgehoben sind und man auch schnell anspruchsvollere Aufgaben bekommt, wenn man sich motiviert zeigt. Das war auch so, ich bekomme Unterstützung von allen Seiten, in Summe ist alles eingetroffen, wie ich es erwartet habe.

SN: Herr Prommegger, wie würden Sie die jungen Menschen beschreiben, die Sie unter Ihre Fittiche nehmen. Was erwarten Sie von ihnen?
Simon Prommegger: Was ich mir erwarte: Lernbereitschaft und dass sich der junge Mensch darüber im Klaren ist, dass er den Beruf erlernen will und sich entsprechend engagiert. Immer mehr junge Menschen beginnen eine Lehre nach der Matura, die sind in der Regel sehr gut auf die Arbeitswelt vorbereitet, haben in der Schule selbstständig arbeiten gelernt und stehen zu dem, was sie sagen. Bei Pflichtschulabgängern merkt man oft schon, dass sie in der Entwicklung noch nicht so weit sind. Diese Unterschiedlichkeit ist nicht immer einfach zu handhaben. Gerade bei den Jüngeren merkt man den Einfluss der "Generation Influencer". Sie sind gewohnt, sich auf Social Media zu inszenieren, sie halten recht viel auf sich und kommen weniger mit Kritik klar als ältere Lehrlinge, weil sie denken, sie wüssten schon alles. Das ist mitunter herausfordernd.

SN: Man sagt jungen
Menschen nach, nicht mehr so einsatzbereit zu sein. Was sagen Sie dazu?

Neuwirth: Das ist ein Klischee. Mich ärgert das, weil ich diese Behauptung auch auf mich beziehe. Und bei mir trifft das keinesfalls zu. Ich kenne so viele junge, motivierte Menschen, die alle noch dazulernen wollen. Ich verstehe auch nicht, welchen Sinn es hätte, sich dem zu widersetzen.

Schmid: Ich sehe das auch als Klischee. Man kann nicht alle Lehrlinge über einen Kamm scheren. Es gibt sicher welche, die nicht so motiviert sind, aber hier sollte man hinterfragen, ob der Beruf passt. Wer mit Freude an der Arbeit ist, wird auch Freude haben, etwas dazuzulernen.

Prommegger: Sie beide haben halt schon eine reifere Haltung als viele 15- oder 16-Jährige. Die wissen oft wirklich nicht, ob sie im richtigen Beruf sind. Sie machen ihn oft, weil der Vater oder die Mutter ihn schon erlernt haben. Es ist aber auch schwierig, die Entscheidung für einen Beruf als 15- oder 16-Jähriger schon treffen zu müssen. Viele sind noch in der Pubertät, da sind Durchhänger hin und wieder normal, mit denen muss ich als Lehrlingsausbildner umzugehen wissen. Darum sind auch die Leistungsgrade über die Lehrdauer gestaffelt.

SN: Wo sind Ihre Grenzen als Ausbildner?
Prommegger: Wenn Respekt und Vertrauen gebrochen werden, wenn ich merke, da passieren Dinge hintenrum. Ich bin mit jedem einzelnen Lehrling in einer persönlichen Beziehung und halte den Kopf hin. Wir müssen gemeinsam das Ding stemmen, haben auch schlechte Zeiten, durch die wir müssen, und da erwarte ich Ehrlichkeit und Vertrauen.

SN: Gibt es auch bei Ihnen Grenzen?
Neuwirth: Das Verhältnis hier ist stets auf Augenhöhe, dadurch haben wir eine gute Kommunikation. Es braucht ein höfliches Miteinander und ein respektvoller Umgang ist wichtig.

Schmid: Das sehe ich auch so. Wenn man nicht offen ist und sich nichts sagen lässt, ist ja auch das System Lehre nicht sinnvoll. Lehrlinge machen Fehler, daraus lernt man. Wenn Gespräche auf Augenhöhe passieren, fühlt man sich als Lehrling auch besser. Man hört immer wieder, dass Mitarbeiter Lehrlinge gern als Laufburschen einsetzen. Ich finde, da sollte man schon etwas sagen.
Prommegger: Hier müssen viele Betriebe und Gesellen umdenken. Vor 15 Jahren, in meiner Lehrzeit, wurde man gern von oben herab behandelt. Das geht heute nicht mehr, Lehrlinge lassen sich das nicht mehr gefallen. Wenn ich von jemandem Respekt erwarte, muss ich ihn dem anderen auch entgegenbringen.

SN: Frau Neuwirth, Frau Schmid, müssen Sie sich oft rechtfertigen, dass Sie nach der Matura "nur" eine Lehre machten?
Neuwirth: Sobald ich sage, dass ich nach der Matura eine Lehre begonnen habe, heißt es: Warum? Und ich antworte: Ich wusste nicht, was ich studieren soll. Spar hat mir gefallen, weil man in so viele Bereiche reinschnuppern kann. Ich war in meinem ersten Jahr in der Personalentwicklung und habe Gefallen an Sozialpsychologie gefunden, weil ich gern mit Menschen arbeite. Hier hat mir die Lehre geholfen, zu schauen, was mein nächster Schritt sein könnte.

Schmid: Bei mir war es genau dasselbe. Ich hätte nicht gewusst, was ich studieren soll, und irgendetwas anzufangen ergab keinen Sinn. Da war mir ein geregelter Arbeitsalltag, bei dem ich Geld verdienen kann, schon wichtiger. In einem Unternehmen wie Wüstenrot zu starten war für mich eine spannende Chance.

SN: Haben wir noch immer ein Problem mit der Lehre?
Prommegger: Ja, das Image hat über die letzten Jahre schon sehr gelitten. Es ist nach wie vor eine tolle Ausbildung, die Matura ist jederzeit möglich und man kann in einem sicheren Rahmen in die Berufswelt schnuppern. Die Lehre gehört neu definiert und braucht ein neues Gesicht.

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