Arbeitswelt

Gemeinwohl vor Gewinnstreben

Wirtschaften nach der Gemeinwohl-Ökonomie. Wie Unternehmen achtsam mit ihren Mitarbeitern und der Natur umgehen, zeigt ein Beispiel aus Österreich.

Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie: Die Gesetze der Marktwirtschaft und die Grundwerte demokratischer Gesellschaften stimmen überein. SN/Stuart Miles - stock.adobe.com
Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie: Die Gesetze der Marktwirtschaft und die Grundwerte demokratischer Gesellschaften stimmen überein.

Eine alternative Wirtschaftsordnung zu Kapitalismus und Kommunismus - das will die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) sein. Eine liberale und ethische Marktwirtschaft, die nicht auf Gewinnstreben und Konkurrenz beruht, sondern auf Gemeinwohl-Streben und Kooperation. Der Erfolg eines Unternehmens misst sich demnach nicht am finanziellen Gewinn, sondern an seiner Gemeinwohl-Bilanz. Ziel ist es, die Gesetze der Marktwirtschaft mit den Grundwerten demokratischer Gesellschaften in Übereinstimmung zu bringen.

Gemeinwohl-Bilanz basiert auf einer umfassenden Matrix

Die Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens ist ein Organisationsentwicklungstool, das auf einer 20 Themen umfassenden Matrix basiert. Betrachtet werden dabei die Werte Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Diese Werte beziehen sich auf Lieferanten, Geldgeber, Mitarbeiter, Kunden und das gesellschaftliche Umfeld. "Viele Unternehmen berichten, dass sie allein durch den Prozess der Bilanzierung auf Bereiche in ihrem Unternehmen geschaut haben, die sie nie beachtet hatten, und diese nun mit ganz konkreten Schritten im Zielplan enthalten sind", berichtet Sabine Lehner von der GWÖ-Regionalgruppe Salzburg.

Vorteile für Nachhaltigkeit

Wer nachhaltig wirtschaftet, dem sollen auch rechtliche Vorteile zukommen. Dieses Ansinnen verfolgt die Bewegung. "Valencia fördert bereits gemeinwohlbilanzierte Unternehmen. Auch für Österreich ist es das Ziel, dass Behörden diese Firmen bei Steuern, Kreditvergabe und öffentlichen Aufträgen bevorzugen", erklärt Lehner.

Bewegung wird weltweit unterstützt

Grundlage der in Österreich gegründeten Reformbewegung, an der sich neben Firmen auch Privatpersonen, Organisationen und Gemeinden beteiligen können, ist ein Buch von Christian Felber aus dem Jahr 2010. Inzwischen zählt die Bewegung nach eigenen Angaben weltweit 11.000 Unterstützer und rund 800 bilanzierte Unternehmen.

„Wirtschaftlich erfolgreich sein, ohne Menschen und Natur auszubeuten.“ Angelina Wolf, Ökologie- und Qualitätsmanagerin

Eines davon ist Grüne Erde aus Scharnstein in Österreich, das etwa 5300 Produkte aus den Bereichen Wohnen und Schlafen, ökologische Mode und Naturkosmetik herstellt bzw. diese handelt. Seit 2011 engagiert sich das Unternehmen in Sachen Gemeinwohl. "Diesem muss künftig ein höherer Stellenwert zukommen. Gewinn ist kein Selbstzweck. Deshalb unterstützen wir die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie und erstellen eine entsprechende Bilanz", sagt Kuno Haas, Eigentümer und Geschäftsführer von Grüne Erde. Sein Betrieb erreichte in der aktuellen Bilanz 2018/19 747 von 1000 möglichen Punkten. "Ein für private Wirtschaftsunternehmen hervorragendes Ergebnis. Damit liegen wir an der Spitze aller im gleichen Zeitraum bewerteten Betriebe", informiert Angelina Wolf. Sie verantwortet seit Herbst 2018 das Ökologie- und Qualitätsmanagement bei Grüne Erde und koordinierte das Erstellen des Berichts.

Erfolge sind für alle nachzulesen

Sichtbar gemacht wird der Erfolg auf der Unternehmens-Homepage, wo der Bericht in voller Länge und als Kurzfassung nachzulesen ist. Die Kurzfassung liegt zudem als gedruckte Broschüre in den 14 Grüne-Erde-Stores in Österreich und Deutschland aus. Ferner erfuhren Kunden über den abonnierten Newsletter von dem Ergebnis.

Nicht missionieren, sondern sensibilisieren

Wolf ist auch am Formulieren und Erreichen der ökologischen Ziele sowie an Aktivitäten zur Förderung des ökologischen Verhaltens der Mitarbeiter beteiligt. "In Bezug darauf gilt: nicht missionieren, sondern sensibilisieren, Unterstützung und Anreize bieten", sagt sie. Interne Workshops und Veranstaltungen sollen zum Beispiel das Bewusstsein für ökologisches Verhalten im Berufs- und Privatleben stärken.

Grüne Erde versucht den Bedürfnissen seiner 500 Mitarbeiter gerecht zu werden und für sie ein gesundes, sicheres und sauberes Arbeitsumfeld zu schaffen bei fairer Entlohnung. Mit den Lieferanten werden langfristige, kooperative Beziehungen angestrebt. Manche bestehen bereits seit 30 Jahren. Zu der Partnerschaft gehören faire Vereinbarungen, transparente Entscheidungen sowie der Verzicht auf Bonussysteme, Auktionen und andere preisgetriebene Beschaffungsprozesse. Lieferketten und Verarbeitungsschritte sind für die Kunden nachvollziehbar - bis zum Ursprung des Materials. Für jeden Artikel gibt es eine vollständige Deklaration.

Ethische Grundsätze auch im digitalen Bereich

Die ethischen Grundsätze des Unternehmens gelten auch für die digitale Sphäre. Kundendaten werden nicht an Dritte weitergegeben und die Website läuft auf einer Individualsoftware, um die volle Kontrolle der Daten zu gewährleisten.

Hohe Ziele im Bereich Klimaschutz

Für den Klimaschutz hat sich Grüne Erde für die kommenden Jahre einiges vorgenommen: CO2-Neutralität bis 2025, der vollständige Verzicht auf fossile Brennstoffe bis 2028 sowie klimaneutrale Dienstreisen (E-Auto, Bahn) sowie Warentransporte (E-Mobilität). Bis nächstes Jahr will man zudem in sämtlichen Unternehmensbereichen ganz ohne petrochemische Kunststoffe auskommen. Dies gilt vor allem für Verpackungen und Büromaterialien.

Wirtschaftlich erfolgreich ohne Ausbeutung

Trotz all der Maßnahmen für das Gemeinwohl sind Umsatz und Gewinn für Grüne Erde nicht unwichtig. "Auch wir freuen uns, wenn wir unsere Bilanzziele erreichen oder übertreffen", sagt Wolf. Die Sehnsucht nach der Verbundenheit von Mensch und Natur habe jedoch Vorrang. "Unsere Philosophie ist, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ohne Menschen und Natur auszubeuten. Und rein volkswirtschaftlich betrachtet kostet es uns langfristig ohnehin wesentlich mehr, ökologisch nicht nachhaltig zu leben."

Berufsbegleitender Masterlehrgang

Was für die Entwicklung und Umsetzung gemeinwohlorientierter Zielstrategien in Organisationen und Unternehmen grundlegend ist, wird inzwischen auch gelehrt. Das Studienzentrum Saalfelden bietet den Masterlehrgang "Angewandte Gemeinwohl-Ökonomie" an. Das viersemestrige Studium im Blended-Learning-Format erfolgt berufsbegleitend. Den Teilnehmern werden theoretische Grundlagen sowie die praktische Umsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie vermittelt.

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