Arbeitswelt

Erfolgreich ist, wer seine Ziele aus den Augen lässt

Das Jahr 2020 hat uns alle in vielerlei Hinsicht zum Nachdenken gebracht. Über das Glück, über Erfüllung, über Sinnhaftes und Sinnloses und nicht zuletzt über private und berufliche Ziele. Einige haben auf die Frage nach den persönlichen Zielen sofort Antworten parat, überschätzen jedoch die Befriedigung, die sie nach der Zielerreichung verspüren werden - denn Zielerreichung bedeutet nicht gleich Glück. Viele haben gleich gar keine Antwort parat - doch, brauchen wir wirklich Ziele im Leben?

Die Frage nach den persönlichen Zielen kann unweigerlich zu Schnappatmung führen. Doch ist das so schlimm, wenn man keine Ziele hat? SN/pexels
Die Frage nach den persönlichen Zielen kann unweigerlich zu Schnappatmung führen. Doch ist das so schlimm, wenn man keine Ziele hat?

Was Konfuzius einst sagte, wird heute oft und gerne bei den verschiedensten Anlässen zitiert: 'Der Weg ist das Ziel'. Eltern sagen es zu ihren Kindern, die mit rauchenden Köpfen über dem Lernmaterial hängen. Der Partner sagt es, wenn man nach einer 5-stündigen Wanderung das erste Mal nach dem Ende der Reise fragt.

Nicht zuletzt haben die Herausforderungen des aktuellen Jahres Anstoß dazu gegeben, viel über das eigene Leben nachzudenken. Über gefallene und bevorstehende Entscheidungen - beruflich sowie privat. Und über kurz oder lang taucht das Thema Ziele auf. Während die einen übersprudeln wie eine geschüttelte Limonaden-Dose, kratzen sich die anderen fragend den Kopf und starten eine Denkspirale, die niemals zu enden scheint.

"Ich wünschte ich hätte klare Ziele vor Augen. Wie beim Klettern, da weiß ich, dass ich zum Gipfel will", war erst kürzlich meine Aussage, als das leidige Thema wieder einmal aufkam . Darauf die Antwort einer Bekannten: "Wenn du dich so besessen auf die Suche nach einem Ziel begibst, welches am Ende dann sowieso nicht zu dir passen wird, dann verpasst du noch das Beste an dem ganzen Konzept - nämlich die Reise dorthin, wo du jetzt noch nicht genau weißt wo es ist."

Bild: SN/unsplash
Ich glaube, dass die Ungeduld, mit der man seinem Ziele zueilt, die Kippe ist, an der oft gerade die besten Menschen scheitern.
Sagte einst der im 18. Jahrhundert lebende deutsche Dichter Friedrich Hölderlin.

Lerne den Weg zu lieben, nicht das Ziel

Hand aufs Herz: Wer hat den Titel dieses Artikels mehrmals durchgelesen? Oder gibt es LeserInnen, die ihn nur schnell überflogen haben und nun eine Schritt für Schritt Anleitung erwarten. '100% Erfolg: So erreichen Sie alle Ihre Ziele' - wäre zwar schön, aber nein, darum geht es nicht.

Am besten lesen wir ihn einfach nochmal durch: Erfolgreich ist, wer seine Ziele aus den Augen lässt! Kann das stimmen oder fehlt hier womöglich ein 'nicht'?

Der amerikanische Bestsellerautor James Clear erklärt, dass Ziele prinzipiell wichtig sind um eine grobe Richtung zu definieren, doch für den Erfolg sind sie nicht verantwortlich. Nehmen wir an, mehrere Personen wollen einen Job - das Ziel ist also das gleiche. Doch nur einer wird den Job bekommen - das heißt, Gewinner und Verlieren haben die gleichen Ziele. Schon einmal darüber nachgedacht? Ziele sind essentiell um einen Weg zu planen, doch der Fokus auf den 'Prozess' ist wichtig um diesen Weg schlussendlich zu gehen.

In einer Studie der Abteilung für Psychologie der Universität Zürich geht es um den Nutzen eines Ziels bei der Gewichtsreduktion. Im Zuge der Untersuchung fanden die Verfasserinnen Alexandra Freund und Marie Hennecke heraus, dass die Erreichung eines Ziels wahrscheinlicher ist, je weniger man sich darauf konzentriert. Die Ergebnisse waren eindeutig: Personen, die sich nur auf ihr Gewicht konzentriert haben, konnten schlecht mit negativen Ergebnissen umgehen und sind schnell in alte Gewohnheitsmuster zurückgefallen. Personen die sich mehr auf die Umstellung der Lebens- und Essensgewohnheiten konzentriert haben, haben trotz Rückschläge an den Veränderungen festgehalten und somit langfristig bessere Ergebnisse, hinsichtlich der Zielsetzung Gewichtsreduktion, erzielt.

Die dunkle Seite der Zielsetzung

Eine im Journal of Consumer Research veröffentlichte Studie untersucht kurzgefasst die negativen Konsequenzen von Zielen. So gehen die Autoren Soman und Cheema davon aus, dass die Auswirkungen einer gescheiterten Zielerreichung gravierender sind, als kein Ziel zu definieren.
Wer im Internet nach Tipps zur Zielerreichung sucht, wird mit Methoden überhäuft. Man spricht davon, dass Ziele automatisch motivieren und zur Erreichung anspornen. Und zahlreiche Studien können dies auch beweisen. Soman und Cheema wollten anhand ihrer Experimente den Nutzen von Zielen aufzeigen, jedoch auch die negativen Auswirken und langfristigen Folgen auf das menschliche Verhalten, wenn diese nicht erreicht werden.
Im Zuge der Untersuchung kamen die Autoren zum Entschluss, dass vor allem der Schwierigkeitsgrad des Ziels einen Einfluss darauf hat, ob sich die Leistung verbessert oder verschlechtert. Wird ein Ziel nicht erreicht, dann resultiert dies in mindestens einer der folgenden 'Nebenwirkungen':


1. Die Selbstwahrnehmung ändert sich (z.B. Einschätzung der eigenen Effektivität)
2. Personen fokussieren sich nur auf jene Dinge, die sie falsch gemacht haben (negative Selbstdarstellung)
3. Personen sind aufgrund des negativen Verlaufs unglücklich
4. Das bekannte "sich gehen lassen" tritt ein und die Person entfernt sich wieder weiter vom einst gesteckten Ziel

Die Autoren empfehlen daher, dass sich Personen selbst mäßig-schwierige Ziele setzen sollen. Die Ergebnisse der Studie sollen Menschen nicht davon abhalten Ziele zu setzen, sondern ein Bewusstsein dafür schaffen, welche Auswirkungen Ziele auf z.B. MitarbeiterInnen oder ein Team haben können, sollten diese nicht erreicht werden.

Zielerreichung bedeutet nicht automatisch Glück

Wer ein Ziel erreicht, ist nicht automatisch glücklich - vor allem über einen längeren Zeitraum. Schon in jungen Jahren werden wir zu Hochleistung motiviert. Wir schmieden Pläne mit unseren Eltern und lassen uns von Freunden, TV und Co beeinflussen. Wir visualisieren eine Zukunft, in der wir doch glücklich sein müssen, oder? Der amerikanische Psychologe Dr. Ben-Shahar erklärt in einem Interview mit der New York Times, dass Menschen generell gut einschätzen können was sie glücklich macht und was nicht. Doch sie scheitern daran einzuschätzen wie intensiv das Gefühl der Befriedigung sein wird und wie lange sie dieses verspüren werden.
Auch wenn uns das Scheitern, beim Versuch ein Ziel zu erreichen, sowie auch der erfolgreiche Abschluss unglücklich machen können, brauchen Menschen Ziele. Der Psychologe rät dazu mehrere Ziele gleichzeitig zu setzen - im beruflichen sowie privaten Umfeld.

Lebt es sich mit oder ohne Ziele besser?

Wer sich mit Zielen beschäftigt, stolpert schnell über die Zielsetzungstheorie von Edwin Locke und Gary Latham. Die beiden Psychologen beleuchten die positiven Effekte einer Zielsetzung, unter Berücksichtigung diverser Aspekte. So gehen Locke und Latham davon aus, dass Menschen von Zielen motiviert werden. Schon allein die Formulierung eines Ziels ruft bei den Menschen Spannung und Euphorie herbei, was zum Handeln und zur Zielerreichung motiviert.
Keine der im Artikel angeführten Studien empfiehlt, ein Leben gänzlich ohne Ziele zu führen. Es geht mehr darum, das Ziel und die besessene Suche nach Zielen aus den Augen zu lassen und sich auf die kleine Schritte und Veränderungen am Weg zu konzentrieren. Ein Leben mit weniger Zielen, Sinnhaftigkeit, Offenheit und Flexibilität kann mehr Erfüllung bringen als fest am 'Plan' festzuhalten.

Bild: SN/unsplash
Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen, doch es wachsen keine Blumen auf ihr.
V. van Gogh


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