Arbeitswelt

Der Ratschlag hat ausgedient

Warum gerade im öffentlichen Dienst mehr lösungsorientierte Gespräche nötig wären. Stadtamtsleiter fragt seine Mitarbeitenden zu verschiedensten Themen: "Was denkst du darüber?"

Kooperation gelingt, wenn die Gesprächskultur stimmt.  SN/mapo - stock.adobe.com
Kooperation gelingt, wenn die Gesprächskultur stimmt.

Wie schaffe ich es, dass meine Mitarbeitenden mitdenken? Ich habe den Sachverhalt schon hundert Mal erklärt, aber es fruchtet nicht." Mit solchen Klagen sind Coaches oft konfrontiert, wenn Führungskräfte an ihre Grenzen kommen. Das Grundproblem zeigt sich so: Sie kommen mit ihren Botschaften bei ihren Mitarbeitenden nicht durch.

Mehr Pädagogik in Führungsetagen: Selbstreflexion statt Ratschläge

Für solche typischen Fälle im Arbeitsalltag haben Veronika Kolb-Leitner und Sonja Pichler (KL-Beratung) eine Empfehlung: Schluss mit Ratschlägen. Nur durch Selbstreflexion würden Menschen ihr Verhalten überdenken und schließlich auch ändern, denn jeder Mensch sei ein selbstbestimmtes Wesen. Die beiden Beraterinnen zeigen sich überzeugt, dass mehr Pädagogik in Führungsetagen einziehen müsse und die richtigen Fragen gestellt werden müssten. Fragen, mit denen Führungskräfte ihre Belegschaft zum Reflektieren anregen und die es ermöglichen, eigene Ansichten einzubringen. Auch müssten Führungskräfte Emotionen stärker beachten und daraus Nutzen ziehen, schreiben Kolb-Leitner und Pichler in ihrem Buch "Erfolgreiche Führung durch ziel- und lösungsorientierte Gespräche" (Springer-Gabler-Verlag, 2021). Im Untertitel nennen die beiden Autorinnen Führungskräfte "Begleiter zur Eigenverantwortung.

Bild: SN/johann hammerer
Wir müssen mit den Reaktionen der Bürger umgehen.
Walter Aigner, Stadtamtsdirektor Neumarkt

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Dieser Definition kann Walter Aigner, früherer Bezirkshauptmann von Tamsweg sowie Leiter der Landeswohnbauabteilung und seit zwei Jahren Neumarkter Stadtamtsdirektor, nur zustimmen. Er sagt: "Wir brauchen mehr Führungskultur", und wendet in seiner Arbeit an, was er in Beraterausbildungen selbst dazu gelernt hat. Warum eine neue Kultur gerade in Amtsstuben, aber auch in gemeindeeigenen Schulen oder Kindergärten nötig ist? "Die Angestellten im öffentlichen Dienst sind die Schnittstelle schlechthin. Wir führen aus, was die Politik vorgibt, und müssen mit den Reaktionen der Bürger umgehen." Zudem ist die Arbeit nicht nur in der Privatwirtschaft komplexer geworden. Würden im öffentlichen Dienst gute Führung und Gesprächskultur fehlen, wirke sich dies auf sehr viele Menschen aus.

Unzufriedenheit in den Kindergärten in Coronazeiten

Walter Aigner weist unter anderem auf die Kindergärten hin. Der Stadtamtsdirektor schildert ein typisches Beispiel aus Coronazeiten: Der zuständige Abteilungsleiter der Gemeinde schildert dem Amtsleiter, dass sich Eltern beschweren, weil sie während der Coronaschließzeit Kindergartenbeiträge bezahlen müssen. Auch den Eltern zu sagen, dass derzeit noch die gesetzliche Grundlage für ein Aussetzen der Beiträge fehlt, hilft nichts, um deren Ärger einzudämmen.

Wie die eingefahrene Situation entschärft werden kann? Aigner: "Ich frage die Führungskraft: ,Was fällt dir dazu ein?'" Als Antwort folgt beispielsweise: "Wenn wir ohne gesetzliche Grundlage auf den Kindergartenbeitrag verzichten, begehen wir möglicherweise Untreue." Durch das Gespräch sei man übereingekommen, die Gemeinde werde beim Land auf eine Lösung drängen. Dieses Bemühen konnte man sodann den Eltern mitteilen. Auf diese Weise entstehe Kooperation.

Verärgerung bei Digitalisierung in Volks- und Mittelschulen

Im gegenteiligen Fall steigen alle Seiten verärgert aus. So etwa bei der Digitalisierung in Volks- und Mittelschulen: Schulerhalter ist die Gemeinde, Arbeitgeber das Land. Die Lehrer klagen bei der Direktorin, dass nichts weitergeht. Deren Antwort: "Ich habe es eh der Gemeinde gesagt. Aber wir haben kein Geld." Am Schluss seien Direktorin, Lehrkräfte und Eltern verärgert. Die Schuld kriege der Bürgermeister, weil der den Sportplatz sanieren lässt, schildert Aigner einen typischen Verlauf. Er werde in Neumarkt zu dem Thema demnächst fragen: "Was braucht ihr als ersten Schritt, was brauchen die EDV-Lehrer?" So mache man gemeinsam den Anfang, um alle Beteiligten ins Boot zu holen.

Lösungsorientierte Fragen regen zum Mitdenken an

Auch in den Ämtern selbst sollten Führungskräfte ihren Mitarbeitern keine Ratschläge erteilen (die ohnehin nicht angenommen werden) oder bei Problemen sagen: "Schau, dass du es löst." Stattdessen helfe es, erzählt Walter Aigner aus seinem Arbeitsalltag, lösungsorientierte Fragen zu stellen. Diese sollen die Gemeindeangestellten ins Boot holen und zum Mitdenken anregen. Dabei werde nicht nur klar, was ein Mitarbeitender über ein Thema denke und wisse, sondern auch, wie viel er selbst überhaupt zu einer Veränderung beitragen kann und welche Auswirkungen die Veränderung auf andere im Team haben würde.

Aber verzettelt man sich nicht, wenn jeder dauernd nach seiner Ansicht gefragt wird?

Aigners Antwort ist ein klares Nein. Im Gegenteil, meint er. Wenn eine Gesprächskultur, die zum Mitdenken anregt, erst einmal aufgebaut sei, dann "flutsche" es. In Neumarkt kämen die Abteilungsleiter jetzt in jede Besprechung mit eigenen Vorschlägen und dächten auch gleich an die Auswirkungen. Das spare insgesamt sogar Zeit. Inzwischen merken auch andere Gemeinden die Vorteile einer neuen Gesprächskultur. Sie engagieren Coaches wie die beiden Buchautorinnen oder Walter Aigner, um das Mitdenken und die Kooperation zu heben und auf Hilfeschreie ihrer Angestellten zu reagieren. Diese würden vor Burn-outs geschützt und die Führungskräfte selbst lernten mithilfe der neuen "Werkzeuge" für gute Gesprächsführung selbst viel - auch für ihr Privatleben.

Die KL-Beratung verlost für Leiterinnen von Kindergärten und Kleinkindgruppen (SBG/OÖ) vier Plätze für ein zweitägiges Führungskräftetraining in Gmunden. Teilnahme bis 31. Mai unter office@kl-beratung.com

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