Arbeitswelt

Berufsrisiko: Gewalt

Sieben Prozent der Beschäftigten erleben im Job körperliche Gewalt, elf Prozent Mobbing. Was dagegen hilft und warum "Hinschauen" so wichtig ist.

Wird am Arbeitsplatz jemand angegriffen, ist beherztes Eingreifen angesagt. SN/1STunningART - stock.adobe.com
Wird am Arbeitsplatz jemand angegriffen, ist beherztes Eingreifen angesagt.

Ob Zugbegleiter oder Kassierin, Kellner oder Sozialarbeiterin - sie alle sind an ihrem Arbeitsplatz einem erhöhten Risiko für körperliche Gewalt ausgesetzt. Neben diesen Berufen mit häufigem Kundenkontakt erleben Beschäftigte oft auch in weiteren Tätigkeiten aggressionsbehaftete Situationen: "Häufig sind das Arbeiten in der Nacht, Kontrolltätigkeiten, das Verwehren von Leistungen, die Entgegennahme von Beschwerden und die Arbeit mit Personen in Ausnahmezuständen beispielsweise aufgrund von Alkohol- oder Drogenkonsum", schildert Eva Mandl, Arbeitspsychologin und Expertin für Arbeitsbedingungen in der Arbeiterkammer Oberösterreich (AKOÖ). Die körperliche Gewalt reiche von unerwünschten Berührungen über Anrempeln, Spucken und Tritten bis hin zu Schlägen mit Gegenständen auf die Person. Laut einer aktuellen AKOÖ-Studie waren im Vorjahr sieben Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Österreich von körperlicher Gewalt am Arbeitsplatz betroffen. Von den rund 2600 Befragten gaben weiters acht Prozent an, Zeugen solcher Übergriffe geworden zu sein. Viele fragen sich: "Bin ich der Nächste?"

Auch psychische Gewalt ist ein Problem

- und zahlenmäßig noch größer als die physische. 16 Prozent der Befragten wurden im Vorjahr im Job beleidigt oder beschimpft. Besonders in der Altersgruppe 15 bis 29 Jahre und unter Beschäftigten mit Migrationshintergrund trifft es viele. 34 Prozent der Beschäftigten erlebten, dass über sie getuschelt oder ihnen schlecht nachgeredet wurde, 24 Prozent unangenehme Anspielungen. Unter Mobbing, Drohungen oder Erpressung litten im Vorjahr elf Prozent der Befragten, unter Ausgrenzung 15 Prozent.

Sexuell belästigt wurden bereits sechs Prozent, zehn Prozent haben solche Vorfälle beobachtet. Vier Prozent haben schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt, fünf Prozent solche beobachtet. Gefährdet sind insbesondere Frauen unter 30 Jahren. Jede zehnte von ihnen gab an, zumindest selten von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein. Die Arbeiterkammern erstreiten immer wieder Schadenersatzzahlungen. Grapschen samt blöden Sprüchen wie "Stell dich nicht so an" kann teuer werden und den Tätern ihre Grenzen aufzeigen - wenn Betroffene sich wehren und Unterstützung holen.

Der Arbeitgeber hat für gewaltfreie Arbeitsumgebung zu sorgen

Führungskräfte und Arbeitgeber können und müssen dafür Sorge tragen, dass in ihren Betrieben Gewalt nicht als Berufsrisiko hingenommen wird. "Unternehmen haben die gesetzlich verankerte Fürsorgepflicht und müssen sich permanent um die physische und psychische Unversehrtheit ihrer Beschäftigten kümmern", betont AKOÖ-Präsident Johann Kalliauer. So sorgen diese einerseits dafür vor, dass Mitarbeitende nicht wegen Gewalt am Arbeitsplatz krank werden. Betroffene schlafen oft schlechter, empfinden mehr Stress und haben Angstsymptome. Andererseits vermeiden Unternehmen Einbußen ihres wirtschaftlichen Erfolgs - verängstigte Menschen arbeiten weniger motiviert und weniger produktiv, das Arbeitsklima wird schlechter.

Expertin: Präventive Maßnahmen wirken

Unternehmen, die Gewalt am Arbeitsplatz vorbeugen wollen, beseitigen deren häufigste Ursachen. Zu diesen zählen überfüllte, enge Räume, steigender Arbeitsdruck, unklare Strukturen und mangelhaftes Führungsverhalten. Fast die Hälfte der Befragten gab an, dass in ihren Betrieben bereits Schulungen zur Vermeidung von Gewalt stattfinden. Eva Mandl sieht den Schlüssel für ein möglichst gewaltfreies Arbeitsumfeld in der Prävention: "Präventive Maßnahmen wie genug Personal, eine gewaltminimierende Unternehmenskultur und ein verantwortungsbewusster Umgang der Arbeitgeber und Führungskräfte haben den meisten Einfluss." Psychische und physische Gewalt im Arbeitsumfeld hat zuletzt noch zugenommen. Führungskräfte tun ihren Teams und Betrieben also Gutes, wenn sie besonders jetzt das Berufsrisiko Gewalt von vornherein eindämmen.

Informationen und Rat geben im Fall der Fälle der Betriebsrat, die AK und andere Beratungsstellen. Maßnahmen sollten immer mit den Betroffenen abgestimmt werden.

„Es hilft Betroffenen sehr, wenn Kollegen zu erkennen geben, dass sie mit diesem Verhalten nicht einverstanden sind.“
Eva Mandl, Arbeitspsychologin und Expertin für Arbeitsbedingungen in der AKOÖ

Die Arbeitspsychologin plädiert dafür, einzugreifen, wenn eine Kollegin oder ein Kollege angegriffen wird. Es stärkt das Selbstvertrauen, wenn sie oder er Unterstützung bekommt. "Hinschauen" wirkt, meint Eva Mandl.

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