Arbeitswelt

Auszeit vom Job: Vom Finanzamt auf die Alm

Eine Auszeit vom Job zu nehmen, um das Wesentliche zu erleben, liegt im Trend. Sophie Weber hat die Großstadt hinter sich gelassen und arbeitet fünf Monate als Sennerin.

Die 22-jährige Sophie Weber genießt die Arbeit im Freien und mit den Tieren. Hier könne man sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. SN/weber
Die 22-jährige Sophie Weber genießt die Arbeit im Freien und mit den Tieren. Hier könne man sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.

Eigentlich würde sie gerade vor den Akten im Finanzamt sitzen und mit Steuerberatern telefonieren, jetzt verbringt sie den Sommer auf einer Alm im Kleinwalsertal in Vorarlberg, genauer: Sie sitzt in einem dunklen Stall und melkt Ziegen. In Arbeitsgewand sitzt sie auf einem Schemel und versucht, die Ziege am Weglaufen zu hindern. "Trixi, steh still." Als sie fertig ist, hat sie Milch für einen ganzen Ziegenkäse im Eimer und lässt die Tiere aus dem Stall. Die Geißen springen den Hang auf die Bergwiesen hinauf. Sophie Weber zieht ihren Arbeitskittel aus, geht in die angrenzende Küche der Almhütte und setzt das Wasser für den Kaffee für die ersten Gäste auf. Das dauert ein bisschen, der Holzofen muss erst warm werden.

4 Monate Resturlaub auf der Alm

Die 22-jährige Finanzbeamtin hat vier Monate Resturlaub gesammelt, die sie nun sinnvoll nutzen will. Über das Internetportal almwirtschaft.at fand sie die Stelle bei einer Familie im Kleinwalsertal, die einen Hof und drei Almen bewirtschaftet. Hier ist sie als Allrounderin eingesetzt: Gäste bewirten, Heu mähen, Ausritte mit Gästen machen, sich um Pferde, Schweine und Rinder kümmern. Warum nicht den Urlaub am Strand genießen? "Ich wollte schon immer auf einer Hütte dazugehören", sagt sie. Auch wenn die Arbeit anstrengend sei. "Man stellt es sich superromantisch vor, aber das ist es nicht." Zwar wollen viele einen Almsommer zur Selbstverwirklichung nutzen, im Endeffekt sei es aber einfach nur harte Arbeit. "Du freust dich abends aufs Bett, auch wenn es nur eine Matratze auf dem Boden ist", sagt Weber, die sonst vier Mal wöchentlich ins Fitnessstudio geht.

„Man stellt es sich superromantisch vor, aber das ist es nicht.“
Sophie Weber, Finanzbeamtin

Heute hat sie einen freien Tag, die Familie aus Bayern ist gekommen, eine Wanderung steht an. Das Wetter ist schön, normalerweise bekommt sie nur frei, wenn Dauerregen angesagt ist. Unterwegs bekommt man einen Eindruck, wie viel die junge Sennerin zu tun hat: Weiden zäunen, Weidetore bauen, Abflussrinnen von Schotter befreien. Als die Familie nachmittags von ihrer Tour auf den Hof der Familie zurückkommt, zieht es sich zu. Und damit ist auch der freie Tag fürs Erste beendet. Sophie Weber rennt los, bringt die Wäsche ins Haus, hilft beim Heuabladen und bringt die Kühe zum Melken in den Stall. Eine Regenjacke hat sie nicht dabei, aber sie hat sich daran gewöhnt, nass zu werden, trägt meistens nur noch kurze Hosen, weil der nasse Stoff dann weniger an den Beinen klebt.

Eine Stempeluhr wie im Finanzamt gibt es nicht

"Am Anfang war es eine totale Umstellung. Du hast lackierte Fingernägel, schminkst dich und trägst Parfüm auf und auf einmal hast du Blasen an den Händen und rennst in Stallkleidung rum." Trotzdem gefällt ihr das Leben hier sehr gut. Sie genießt die Auszeit von ihrem Nine-to-five-Job. Das körperliche Arbeiten, der Umgang mit den Tieren und das Einfache gefallen ihr. Im Finanzamt sehe man nach einem Neun-Stunden-Tag kein Ergebnis. Hier sei das anders. Wenn am Ende des Tages ein steiler Hang gemäht, die Tiere versorgt und die Gäste zufrieden seien, dann sei das ein schönes Gefühl.

Gemacht werden müsse jede Arbeit

"Zuschauen gibt es nicht." Nur zwei Mal sei bisher eine Ausnahme gemacht worden: Ein Mal sollte sie die Schweine zum Schlachten in die Metzgerei treiben, ein anderes Mal den Boden nach dem Schlachten putzen. Die Vegetarierin weigerte sich. Trotzdem wollte sie beim Schlachten dabei sein. "Das macht einem bewusst, wie das ist. Ich dachte, es ist eine voll emotionale Sache, aber das ist es überhaupt nicht. Es geht total schnell und ist sehr unaufgeregt." Der Bauer habe ihr sogar angeboten, bei einem Kalb den Schuss zu setzen. Da habe sie abgelehnt. Sonst wenig verständnisvoll, hätte er das akzeptiert.

Materielle Dinge und Äußerlichkeiten spielen keine große Rolle

"Hier geht es um das Wesentliche, hier muss man hinlangen, es ist nicht so kuschel-wuschel", sagt Weber. Der Umgangston der Leute sei rauer. Auf der Alm gibt es kein warmes Wasser, keine Müllabfuhr und oft auch keinen Strom. Der darf nur eingeschaltet werden, wenn die Sonne auf die zwei Solarplatten vor der Hütte scheint. Es gibt weder Zentralheizung noch Dusche oder Fernsehen. "Man merkt, mit wie wenig man auskommt", sagt sie, dadurch werde man anspruchsloser.

Es ist Abend geworden, der Regen prasselt an die Scheiben. Drinnen ist der Ofen in der Stube eingeheizt, die nassen Hosen und Jacken sind zum Trocknen über dem Kachelofen aufgehängt. Es gibt Käse, Schinken, und Griebenschmalz, alles selbst gemacht. Auch Hannah Sauter ist dabei. Die 27-Jährige studiert im siebten Semester Tiermedizin und verbringt den vierten Sommer auf der Alm im Kleinwalsertal. "Die Tendenz ist da, dass die Leute sowas gerne machen wollen, gerade in unserer Generation", sagt sie. "Dieses Gefühl, das Ursprüngliche erleben zu wollen, wo kann man das mehr als auf einer Alm." Von der Geburt eines Kalbs über das Heumachen, Melken, die Käseherstellung und dann schließlich die Schlachtung sind das alles Prozesse, bei denen man direkt dabei ist. Das erweitere den Horizont und bringe einen persönlich weiter.

Nach dem Almabtrieb zurück ins alte Leben in München

Mitte September ist Almabtrieb, für Weber geht es damit wieder zurück nach München. Erst vor einer Woche war sie kurz in der 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt, um ihre Freunde zu sehen. Der Kontrast war groß. "Es war alles so clean, die Bettwäsche so weich, alles hat so gut gerochen. Ich habe es richtig genossen, durch die Fußgängerzone zu schlendern, an den Parfüms zu riechen, die feinen Stoffe der Kleider zu fühlen." Auch die Vielfalt beim Essen habe sie genossen: indisch, libanesisch, vietnamesisch. Im Restaurant habe sie ein Kleid getragen und sich die Lippen rot angemalt. "Das kannst du auf der Alm nicht machen, da würden die Leute gleich schauen." In dem kleinen Ort könne man nichts machen, ohne dass es jeder mitbekomme. "In München ist jeder, wie er ist, man muss sich nicht verstellen. Das ist eine Form von Freiheit", sagt sie.

Die Erlebnisse auf der Alm waren es wert

Aber die Steuerbescheide in der Arbeit gegen die Erlebnisse auf der Alm einzutauschen, das war es definitiv wert. "Es ist so schön, ein neugeborenes Kalb zu streicheln oder den Schweinen beim Wühlen im Stroh zuzuschauen. Und was ist das erst für ein freies Gefühl, wenn du auf dem Berg stehst und runterschaust."

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Aufgerufen am 18.10.2021 um 07:08 auf https://karriere.sn.at/karriere-ratgeber/arbeitswelt/auszeit-vom-job-vom-finanzamt-auf-die-alm-108413143

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