Arbeitswelt

Aufgestiegen: Vom Lehrling zum Vizebereichsleiter

30.000 Schritte oder rund 20 Kilometer legt Ayham Sawas jeden Tag in der Arbeit zurück. Seine Karriere begann im Jahr 2017 mit der Lehre zum Einzelhandelskaufmann. Sein Weg war aber viel weiter. Vor zwei Jahren floh er aus Syrien.

Ayham Sawas (links) und Bereichsleiter Reinhard Holzer (rechts). SN/aleksandra nagele
Ayham Sawas (links) und Bereichsleiter Reinhard Holzer (rechts).

21 Tage dauert Ayham Sawas Reise von der Türkei mit dem Schlauchboot übers Meer - bis er schließlich in Österreich landet. Auf dem Parkplatz eines Supermarkts empfangen ihn Polizeibeamte, die Ayham zuerst ins Gefängnis und dann von einem Flüchtlingslager ins nächste bringen. Ayham betont immer wieder, wie viel Glück er habe und dass jede Begegnung in Österreich respektvoll und freundlich sei. Schließlich kommt er bei einer Dame in Hof bei Salzburg privat unter. Zusammen mit anderen Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan lebt er dort in einer WG. Der damals 25-Jährige lernt schnell und spricht nach einem Jahr wirklich gut Deutsch. Er will arbeiten, doch die Suche nach einem Job ist schwer. In Syrien war er seit seinem 15. Lebensjahr im Textilbetrieb seiner Familie beschäftigt, besonders der Verkauf liegt ihm. Doch der Krieg hat alles zerstört. In Salzburg begegnet er schließlich Katrin Gerschpacher vom damals noch neu gegründeten Verein fairmatching. Katrin und ihr Team unterstützen Menschen mit Fluchthintergrund bei der Arbeitssuche.

Lehrabschluss in 18 Monaten

Zusammen schreiben sie Ayhams Lebenslauf, üben Jobinterviews und verschicken mehr als 50 Bewerbungen. Gemeinsam mit dem AMS klappt es schließlich bei Interspar. Ayham beginnt eine verkürzte Lehre zum Einzelhandelskaufmann. "Eine verkürzte Lehre ist sehr intensiv. In 18 Monaten lernt man so viel wie sonst in drei Jahren", sagt Gerschpacher: "Doch Ayham ist mit Freude und Leidenschaft da durchmarschiert." 2018 schließt er mit gutem Erfolg ab, von seinen Kollegen und seinem Chef im Interspar-Standort Europark erhält er viel Unterstützung und Wertschätzung.

In Kursen weitergebildet

"Ich konnte damals das Wort ,Römerquelle' nicht ordentlich aussprechen. Zum Glück habe ich hier Kollegen, die mir bei allem weiterhelfen. Es ist wie in einer großen Familie", sagt Ayham. 2019 wechselt der frischgebackene Einzelhandelskaufmann in die Getränkeabteilung. Er beginnt die ersten Führungserfahrungen zu sammeln, macht Kurse und bildet sich weiter. Im März wird Ayham (im Bild links mit Bereichsleiter Reinhard Holzer) zum stellvertretenden Bereichsleiter befördert, darauf ist er sehr stolz: "Ich übernehme wirklich gerne Verantwortung und bin unglaublich dankbar, dass ich bei Interspar immer wieder die Chance dazu bekomme."

Viele Chancen in Österreich

Für Menschen mit Fluchthintergrund ist es eine riesige Herausforderung, überhaupt irgendwelche Chancen zu bekommen. Das erlebt Gerschpacher in ihrer täglichen Arbeit: "Natürlich wäre uns lieber, es würde uns gar nicht erst brauchen. Aber selbst für Geflüchtete, die schon seit Jahren hier sind, ist es schwer, ohne unsere Hilfe Fuß zu fassen." In den vergangenen fünf Jahren haben bereits 650 Menschen das Angebot von fairmatching in Anspruch genommen, Ayham war einer der ersten. Nur etwa zehn Prozent der Arbeitssuchenden, die fairmatching vermittelt, beginnen eine Lehre, schätzt Gerschpacher. Der Grund ist simpel: Mit einer Lehrlingsentschädigung kann niemand eine Familie ernähren. Somit eignet sich dieser Weg nur für diejenigen, die noch keine Verpflichtungen haben. Bei der verkürzten Lehre sei das anders, weiß Gerschpacher, die Entschädigung ist höher.

"Meine Kollegen halfen mir immer weiter, wenn ich sie brauchte." Ayham Sawas, Interspar

Für Ayham hat das Lernen noch lange nicht aufgehört: Als Nächstes will er die B2-Prüfung für Deutsch ablegen. Seine Zukunft sieht der heute 30-Jährige bei Interspar: "Hier kann ich mich immer weiterentwickeln, ich habe alle Möglichkeiten." Ayham hat ein klares Ziel vor Augen: Irgendwann möchte er eine Filiale leiten.

Die große Liebe gefunden

Auch Ayham Sawas’ Ehefrau Nour Alian lernt Einzelhandel. Beide arbeiten im selben Geschäft. SN/privat
Auch Ayham Sawas’ Ehefrau Nour Alian lernt Einzelhandel. Beide arbeiten im selben Geschäft.

Nicht nur beruflich, auch privat hat Ayham Sawas in Österreich ein neues Kapitel aufgeschlagen: Er lernt hier seine große Liebe Nour Alian kennen, bald schon heiraten sie. Ihr gemeinsames Leben beginnen die beiden in Salzburg. Auch Nour Alian wird bald die verkürzte Lehre zur Einzelhandelskauffrau abschließen. Sie arbeitet in der Backstube - und zwar in derselben Interspar-Filiale wie Ayham.

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